TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 27.11.2014, Leitartikel von Peter Nindler: "Politische Kurpfuscher"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Probleme in den Spitälern, die Abwanderung von Jungmedizinern ins Ausland und der drohende Landärztemangel sind teilweise hausgemacht. Die (Gesundheits-)Politik verschreibt nur Placebos, aber keine strukturellen Therapien.

Trotz der höchsten Ärztedichte in Europa droht in den ländlichen Regionen ein Ärztemangel, sind die Ambulanzen in den Krankenhäusern überfüllt, steigen die Spitalsärzte auf die Barrikaden und wandern Mediziner mangels attraktiver Gehälter ins Ausland ab. Im österreichischen Gesundheitswesen läuft einiges falsch - und das nicht erst seit gestern. Dazu kommen noch die finanziellen Belastungen für die öffentliche Hand: Steigende Ausgaben und davongaloppierende Abgänge in den Spitälern von insgesamt mehr als 40 Millionen Euro jährlich in Tirol drängen die medizinische Versorgung in Österreich an den Rand der Finanzierbarkeit. Trotzdem wird weiter herumgedoktert, verhindern ideologische Barrieren zukunftsorientierte und finanzierbare Lösungen.
Schon längst müssten die Allgemeinmediziner, der klassische Doktor und Praktiker, gestärkt werden. Er ist der Schlüssel für eine Entlastung des Gesundheitssystems. Wandert er ab, werden in der Folge die teuren Spitalsambulanzen gestürmt. Doch nicht alleine die Gesundheitspolitik ist gefordert. Die mangelde Anziehungskraft des ländlichen Raums mit einer zunehmend ausgedünnten Infrastruktur macht vor den Medizinern ebenfalls nicht Halt. Wie lange hat sich die Bundesregierung etwa um den Ausbau des Breitbands gestritten, bis sie endlich für ein schnelleres Internet am Land einlenken musste? Geänderte Lebenswelten oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, von der vor allem Ärztinnen betroffen sind, werden im ländlichen Raum noch nicht zufriedenstellend abgebildet. Warum sollen sich gerade Mediziner in den Tälern ansiedeln, wenn die jungen Einheimischen wegziehen?
Die Herausforderungen in den peripheren Regionen sind Querschnittsmaterien. Bei der Daseinsvorsorge wirken sich aufgeschobene Initiativen jedoch am gravierendsten aus. Der Bergdoktor nützt nichts, wenn er lediglich aus dem Fernseher und nicht aus der Ordination lacht. Ländliche Entwicklung darf deshalb politisch nicht zu einer Frage der Landwirtschaft degradiert werden. Der Landärztemangel und die Probleme bei der Umsetzung der 48-Stunden-Woche in den Spitälern werden sich nicht so rasch kurieren lassen. Doch die Diagnose ist beinahe gleichlautend: Die Politik hat es verabsäumt, Strukturen zu verändern und mutige Schritte zu setzen. Diese dürfen etwas kosten, weil sie auch einen Mehrwert auslösen. Aber lieber baut man Hürden für Hausapotheken der Landärzte auf statt ab.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001