Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Roter Catenaccio“

Ausgabe vom 28. November 2014

Wien (OTS) - 83,4 Prozent. Wenn man mit einem Schlagwort zusammenfassen wollte, was in dieser Republik falsch läuft, dann sind es diese 83,4 Prozent.

Mit diesem Ergebnis wurde Werner Faymann 2012 beim vergangenen Bundesparteitag als SPÖ-Chef wiedergewählt. Es war das schlechteste Ergebnis in der jüngeren Parteigeschichte. Nun ergibt sich die politisch-mediale Klasse seit Wochen in Spekulationen, ob die Basis den Chef beim heute beginnenden Parteitag erneut mit einem Achter vorne abstraft.

Ein größeres Missverständnis von Politik ist schwer vorstellbar. Warum ausgerechnet Menschen mit politischen Überzeugungen mit dem Eintritt in eine Partei ihre Lust am Debattieren aufgeben sollten, entzieht sich dem gesunden Hausverstand. Und trotzdem schwören Parteimanager auf innerparteiliche Friedhofsruhe als Mittel zum Erfolg im politischen Wettbewerb.

Gerhard Schröder wurde 2003 mit 80,8 Prozent wiedergewählt; tausende Demonstranten marschierten draußen vor der Halle gegen den Kanzler auf, drinnen wurde er ausgepfiffen. Unter Tony Blair wurden Labour-Parteitage mitunter zur Bühne wilder Redeschlachten für und gegen den damals hippen "Dritten Weg". Nur in Österreich sind alle überzeugt, dass jeder Parteitag ein Desaster ist, bei dem nicht alle einander liebhaben. Der Weg zu Wahlsiegen führt nur in der Opposition über Ankündigungen und Versprechungen. Einmal an der Regierung, zählen Taten mehr als Worte. Sollten jedenfalls.

SPÖ-Chef Faymann hat sich diesbezüglich für einen riskanten Weg entschieden. Er hat sein politisches Schicksal in die Hände der roten Sozialpartner gelegt. Das ist nicht nur der kurzfristigen Not geschuldet, am Parteitag gut abzuschneiden. Der Kanzler kalkuliert, auch 2018 - gestützt nur auf ÖGB und AK - stimmenstärkste Partei bleiben zu können. Angesichts schrumpfender Beteiligungsraten ist das nicht einmal ausgeschlossen: Lieber weniger, dafür verlässliche Stimmen treuer Kernwähler als die vage Hoffnung auf unsichere Kantonisten an der Wahlurne, vulgo auch Wechselwähler genannt. Faymann und die gesamte SPÖ müssen hoffen, dass ÖGB und AK ein roter Kanzler mindestens so wichtig ist wie das Verteidigen eigener heiliger Kühe. Falls nicht, hätte er falsch kalkuliert.
Es ist dies ein defensives Konzept, ein Politik-Catenaccio; dabei leben wir in politischen Zeiten, die Mut und offensive Ideen erfordern.

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