E-Control: Ohne klare Definition ist Energiearmut nicht effektiv zu bekämpfen

Für Energieregulierungsbehörde E-Control ist eine einheitliche Definition von Energiearmut notwendig - Vorhandene Daten werden unseriös interpretiert

Wien (OTS) - Vor einem Jahr hat die Strom- und Gasregulierungsbehörde E-Control eine Definition von Energiearmut präsentiert, breit aufgegriffen wurde diese bisher allerdings nicht. "Es gibt in Österreich weiterhin kein einheitliches Verständnis davon, wer als energiearm bezeichnet werden kann", sagt E-Control-Vorstand Walter Boltz. Dabei sei eine verbindliche Definition schon aus praktischen, aber auch aus rechtlichen Gründen notwendig. "In heimischen Energiegesetzen wird der Begriff "Energiearmut" verwendet - definiert wurde er allerdings nie." Auch würde es bereits einige Maßnahmen gegen Energiearmut geben, obwohl die Zielgruppe dieser Maßnahmen nicht bekannt sei. "Wer keine hohen Energiekosten hat, der braucht in der Regel auch keine Energieberatung und keinen Heizkostenzuschuss", sagt Boltz. "Wer einen Schnupfen hat, braucht ja auch keine Krücken." Eine brauchbare Definition sei "die Basis, um tatsächlich von Energiearmut Betroffene zu finden und diesen zielgerichtet helfen zu können", so Boltz, der ergänzt: "Wenn man schon viel Geld in die Hand nimmt, sollte man auch den Richtigen helfen."

E-Control-Definition: Energiearmer ist arm und hat hohe Energiekosten

Die E-Control plädiert dafür, unter energiearmen Haushalten einkommensschwache Haushalte mit gleichzeitig hohen Energiekosten zu verstehen. Nur wenn beide Phänomene gleichzeitig auftreten sei von Energiearmut zu sprechen. "Ansonsten besteht die Gefahr, dies mit allgemeiner Armut zu vermischen", sagt Boltz. "Wer arm ist und sich daher durchschnittlich hohe Energiekosten nicht leisten kann, ist ein Fall für die Armutsberatung, aber nicht für die Energiearmutsberatung", veranschaulicht Boltz.

Unseriöse Interpretation vorhandener Daten

Wenn in Österreich von Energiearmut die Rede ist, wird für die Zahl der Betroffenen immer noch häufig auf einen unbrauchbaren Indikator zurückgegriffen. So wurde etwa heuer im Oktober publik, dass in Österreich 2013 rund 230.000 Menschen (102.000 Haushalte) von Energiearmut betroffen waren. 2012 waren es 263.000 Personen (rund 116.000 Haushalte). Diese Daten beruhen auf der Erhebung EU-SILC, die europaweit die Einkommens- und Lebensbedingungen untersucht und unter einem ganzen Bündel an Fragen auch jene stellt, ob man finanziell in der Lage sei, die gesamte Wohnung angemessen warm zu halten. Wer diese eine Frage mit "Nein" beantwortet, ist für manche sogleich ein energiearmer Haushalt. "Diese Interpretation ist völlig unseriös, eine einzige subjektive Frage ist dafür nicht aussagekräftig genug", unterstreicht Boltz. An der Studie selbst liege das nicht. "Die EU-SILC-Erhebung ist eine sehr fundierte Erhebung - aber eben zu Einkommens- und Lebensbedingungen." Der Fehler liege ganz allein in der jährlichen Missinterpretation der Daten.

Bisherige Energiearme: Im Schnitt weder arm noch energiearm

Eine genauere Analyse der Einkommens- und Energiekostensituation all dieser 263.000 Menschen, die 2012 angeblich von Energiearmut betroffen waren, zeigt, dass diese Personen im Schnitt weder wirklich arm sind (das monatliche Haushaltseinkommen liegt mit rund 1.400 Euro netto rund 300 Euro über der heimischen Armutsgefährdungsgrenze) noch hohe Energiekosten haben (die monatlichen Kosten für Strom, Heizung etc. sind mit 94 Euro sogar niedriger als im Österreichschnitt). Energiekosten von mehr als 150 Euro im Monat haben nur 12,1 Prozent dieser Personen. "Diese Personen sind im Schnitt weder energiearm noch überhaupt armutsgefährdet. Das ist ein ganz anderer Personenkreis, als immer behauptet wird", betont Boltz.

Definition der E-Control treffsicherer

Legt man die Definition der E-Control von Energiearmut (einkommensschwacher Haushalt und gleichzeitig hohe Energiekosten) auf die Daten von EU-SILC um, erhält man ein anderes Bild. Ein energiearmer Haushalt nach dieser Definition hatte 2012 ein monatlich verfügbares Einkommen von knapp 900 Euro (200 Euro unter der Armutsgefährdungsgrenze) und um fast 80 Prozent höhere Energiekosten als der Durchschnittsösterreicher (monatlich rund 180 Euro statt 99 Euro). Sechs von zehn Betroffenen hatten Energiekosten von mehr als 150 Euro. "Diese Definition ist wesentlicher treffsicherer", sagt Boltz. Nach dieser Definition waren 2012 rund 290.000 Menschen von Energiearmut betroffen. "Das ist zwar in etwa gleich viel wie aufgrund der anderen Frage, aber eben ein ganz anderer Personenkreis." Die Analyse zeige jedenfalls, dass man mit der alleinigen Frage, ob man sich ein Warmhalten der Wohnung leisten könne, niemals tatsächlich von Energiearmut Betroffene finden könne.

Boltz: "Armutsprobleme nicht in Energiebereich schleppen"

Generell sei es wichtig, Energiearmut und Armut klar auseinander zu halten, betont Boltz. Dort wo es allgemein um Armut geht, betreffe dies das Sozialsystem. "Ein zu niedriger Lohn ist kein Thema der Energiebranche - auch wenn die Person deshalb vielleicht ihre Stromrechnung nicht bezahlen kann. Hier sind andere Institutionen gefragt, solche Probleme sollten nicht in den Energiebereich geschleppt werden." Die Energieunternehmen könnten energiearmen Haushalten vor allem durch Energieberatungen helfen und Energiespartipps geben. Sinnvoll sei auch die Zurverfügungstellung von energieeffizienten Geräten zu vergünstigten Preisen. "Wenn es um thermische Sanierungen oder Ähnliches geht, sind aber vor allem die Wohnungseigentümer in die Pflicht zu nehmen", sagt Boltz. Und diese sind in den seltensten Fällen die energiearmen Bewohner der Wohnungen.

Kosteneffektive Maßnahmen setzen

Im Kampf gegen Energiearmut sollte vor allem auf möglichst kosteneffiziente und zielorientierte Maßnahmen gesetzt werden, erläutert Walter Boltz. "Sinnvoller als ein Heizkostenzuschuss ist eine Kombination von Maßnahmen, die auch an Grundproblemen wie mangelndem Wissen über Energiesparen oder energiefressenden Geräten etwas ändert." So ist in Wien vergangenes Jahr der Heizkostenzuschuss durch die "Wiener Energieunterstützung" abgelöst worden, einer Kombination aus Energieberatung, Gerätetauschaktionen und Einmalgeldleistungen in besonderen Härtefällen. Ab Jänner 2015 sind zudem Energielieferanten mit mehr als 49 Beschäftigten und einem Umsatz von über 10 Millionen Euro verpflichtet, eine Beratungsstelle unter anderem zu Energiearmut anzubieten. "Wir erhoffen uns dadurch eine gewisse Verbesserung", sagt Boltz.

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