OÖNachrichten-Leitartikel: "Die alten Geschichten aus dem Parteibuch", von Lucian Mayringer

Ausgabe vom 27. Novermber 2014

Linz (OTS) - Werner Faymann kann das Altern der Gesellschaft nicht schrecken. Das Pensionssystem ist gesichert, beruhigt der Bundeskanzler und leistet mit dem Signal bei der Mehrheit seiner Delegierten den nächsten Beitrag für ein gutes Wahlergebnis beim morgigen Parteitag der SPÖ. In den eigenen Reihen lässt sich der Fluch der Demographie nicht so leicht vertreiben. Seit dem Ende der Ära Bruno Kreisky 1983 sind der Sozialdemokratie zwei Drittel ihrer Mitglieder abhanden gekommen.
Dafür gibt es neben der verlorenen Strahlkraft des "Sonnenkönigs" mehrere Gründe. Einer ist schlicht der Mangel an Nachwuchs. Ein Phänomen, das wohl in ähnlichem Ausmaß am Bestand der Volkspartei nagt, auch wenn es dank des schwarzen Mitglieder-Verwirrspiels nicht in Zahlen belegbar ist.
Im Gegensatz zur eingangs erwähnten Pensionsversicherung ist der stete Verlust von Beitragszahlern für die beiden alten Regierungsparteien keine existenzielle Bedrohung, sondern nur das Ankommen in einer Realität, in der viele europäische Schwesterparteien längst leben. Die Gefahr für SPÖ und ÖVP geht vom damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel aus, den beide Parteien bisher kaum nachvollzogen haben.
Denn in der Parallelwelt vieler roter und schwarzer Funktionäre gelten immer noch die gängigen Ansprüche der Nachkriegsordnung an eine Partei. Man sieht deren Aufgabe ähnlich einem ideologisch verbrämten Serviceklub vor allem darin, Schutz und Lebenshilfe zu bieten. Dafür hält man ihr im Gegenzug auch dann die Treue, wenn etwa in einem Koalitionspakt das eine oder andere Wahlversprechen teilweise oder ganz auf der Strecke geblieben ist.
Diese Logik funktioniert nicht mehr, wie der Wählerschwund seit den 80er Jahren erahnen lässt. Denn im globalisierten Europa glauben auch in Österreich immer weniger Bürger an die alles durchdringende Kraft der rot-schwarzen Machtdualität. Dass so auch egoistisches Parteibuch-Denken zurückgedrängt wird, ist eine erfreuliche Flurbereinigung in der politischen Landschaft.
Zumal gleichzeitig für immer mehr Menschen vor allem die Qualität der Lösungsangebote darüber entscheidet, ob man sich - wenn auch kurzfristig - auf eine Partei einlässt. Für Werner Faymann vielleicht ein Anstoß, seine Idee von den gesicherten Pensionen noch einmal zu überdenken.

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