Signal gegen das Vergessen: ORF zeigt Burgtheater-Projekt "Die letzten Zeugen" am 28. November in ORF III

Sieben Holocaust-Überlebende erinnern an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs

Wien (OTS) - Tiefe Erschütterung, danach lang anhaltende Standing Ovations: Im Oktober des Vorjahres, 75 Jahre nach dem Novemberpogrom 1938, bewegte das einzigartige Burgtheater-Projekt "Die letzten Zeugen" Publikum wie Kritiker gleichermaßen. Doron Rabinovici und Matthias Hartmann ließen darin sieben Überlebende des Holocaust auf der Bühne mit ihren Texten zu Wort kommen. In Anwesenheit und unter Mitwirkung von sechs von ihnen wurden ihre ergreifenden Berichte über Angst, Vertreibung und das Grauen im Konzentrationslager von Ensemblemitgliedern dargeboten. Als ein weiteres Signal gegen das Vergessen hat der ORF dieses unwiederbringliche Stück Zeitgeschichte aufgezeichnet. ORF III zeigt die herausragende Theaterproduktion am Freitag, dem 28. November 2014, um 21.45 Uhr.

ORF-Generaldirektor Dr. Alexander Wrabetz: "Weiterer Beitrag des ORF gegen das Vergessen"

"In einer hervorragenden Inszenierung auf der Bühne des Burgtheaters versammelt, erinnern sich Zeitzeugen an die menschlichen Abgründe des Zweiten Weltkriegs. Sie sind das verbliebene Sprachrohr der Toten -und sie allein finden Worte für die unaussprechlichen Geschichten des Terrors und der Verfolgung. Mutig konfrontieren sie sich im Alter von 82 bis 101 Jahren erneut mit den traumatischen Erinnerungen an die NS-Zeit, vereint in der Hoffnung, dass die nachkommenden Generationen nie wieder ähnliches Leid geschehen lassen. Das Fernsehen als audiovisuelles Gedächtnis unserer Nation ist der weiterwirkenden Erinnerungskultur verpflichtet. Mit der Ausstrahlung dieses großen, erschütternden Theaterabends leistet der ORF einen weiteren wichtigen Beitrag, die Gräuel des Zweiten Weltkriegs niemals der Vergessenheit anheimfallen zu lassen."

ORF-Fernsehdirektorin Mag. Kathrin Zechner: "Brückenschlag zwischen ehemaligen und zukünftigen Generationen"

"Unendlicher Respekt, tiefe Demut vor diesen Menschen und dem Leben, Wut, Zorn und paralysierende Trauer wegen des Bewusstseins dieses von Menschenhand verursachten Grauens. Unsere Freiheit und das Schicksal dieser Menschen stellvertretend für alle Opfer des NS-Regimes verpflichtet unsere Generation, die Kraft dieser Emotionen positiv zu nutzen, um eine Brücke der Versöhnung, des Vertrauens, der Wertschätzung und des Wissens gegen Nihilismus und Vergessen zu errichten, die ehemalige und zukünftige Generationen und Gesellschaften verbindet. Die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Stücks sowie viele andere vor ihnen haben mit dem Brückenschlag begonnen. Es liegt an uns, diesen Bau zu vollenden und die Wichtigkeit des Erhalts unseren Nachkommen zu vermitteln. 'Die letzten Zeugen' ist ein wichtiger Stein in dieser Architektur."

ORF-III-Programmgeschäftsführer Peter Schöber: "Berichte aus 'erster Hand' für das junge Publikum"

"Die Vermittlung von zeitgeschichtlichen Zusammenhängen ist seit Senderstart eine der wesentlichen Programmsäulen von ORF III Kultur und Information. In zahlreichen Produktionen, wie etwa den Dokumentationen über Widerstandskämpferin Käthe Sasso oder Filmpionier Oskar Pilzer sowie ganz aktuell 'Verdrängte Jahre: Bahn und Nationalsozialismus in Österreich', hat sich ORF III mit zeitgeschichtlichen Vorgängen und dem damit verbundenen Unrecht und Verbrechen auseinandergesetzt. Darin nehmen die Berichte aus 'erster Hand' einen besonderen Stellenwert ein und untermauern die Glaubwürdigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen. In 'Die letzten Zeugen' werden die Schilderungen der Zeitzeugen des NS-Grauens in besonderer Weise gewürdigt und auch für das junge Publikum zugänglich gemacht."

Doron Rabinovici: "Stabübergabe im Stafettenlauf der Erinnerung"

"'Die letzten Zeugen' ist ein wichtiger Beitrag am Wendepunkt der Erinnerung. Vor 20 Jahren hätten die Überlebenden den Abend selbst in die Hand genommen. In 20 Jahren werden sie nicht mehr bei uns sein. Ihre Texte stehen im Zentrum, aber die Zeitzeugen lassen in ihrer Gegenwart Jüngere berichten. Die Schauspieler übernehmen die Texte wie ein Vermächtnis. Was wir jetzt erleben, ist die Stabübergabe im Stafettenlauf der Erinnerung."

"ORF III spezial: Aus dem Burgtheater: Die letzten Zeugen" (21.45 Uhr)

"Überleben ist ein Privileg, das verpflichtet." So begründet der mittlerweile 83-jährige Rudolf Gelbard sein Engagement für die Theaterproduktion "Die letzten Zeugen". Er ist einer der sechs Menschen, die hinter einer weiß schimmernden Leinwand auf der Bühne sitzen und ihre erschütternden und unfassbaren Erinnerungen mit dem Publikum teilen. Zum Zeitpunkt der Premiere im Oktober 2013 sind sie alle zwischen 82 und 101 Jahre alt und konfrontieren mit ihrer unmittelbaren Präsenz, während ihre persönlichen Berichte von Ensemblemitgliedern vorgetragen wurden. Ihre Namen: Lucia Heilman, Vilma Neuwirth, Suzanne-Lucienne Rabinovici, der bereits erwähnte Rudolf Gelbard, Marko Feingold und Ari Rath. Auch die Erinnerungen der noch vor der Premiere verstorbenen Künstlerin Ceija Stojka werden im Rahmen des Projekts veröffentlicht.
Während sich die Jungen - die vier Schauspieler/innen Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Peter Knaack und Daniel Sträßer - ihre Sätze aneignen, sieht man die gefassten Gesichter der Zeitzeugen großflächig auf die weiße Leinwand projiziert. Eine Frau schreibt auf einer großen Papierrolle mit: Alles wird protokolliert, kein Name darf vergessen werden. Gegen Ende des Abends tritt jeder der Zeitzeugen aus der Tiefe der Bühne hervor und ergreift selbst das Wort. Die große Last der Erinnerung an den Naziterror wird schmerzhaft spürbar. "Die Bühne wird der Boden über diesem Abgrund", schreibt Autor Doron Rabinovici. Das Stück bietet keinen Platz zum Fabulieren, die Bühne gehört den Zeugen und ihren Botschaften, die es gilt, über ihren Tod hinaus am Leben zu erhalten. Sie wenden sich nicht allein gegen Vergangenes, sondern gegen das Fortwirken dessen, was einst nach Auschwitz führte.
Die Produktion "Die letzten Zeugen" war zum Berliner Theatertreffen 2014 eingeladen.

Details zu den Zeitzeugen

Lucia Heilmann überlebt die Nazizeit als "U-Boot". Ihr Überleben verdankt sie Reinhold Duschka, der sie all die Jahre unter Lebensgefahr in seinem Atelier versteckte und dem sie ihren Text auch widmet.
Vilma Neuwirth wächst im Kosmos des kleinbürgerlich-proletarischen Milieus im zweiten Wiener Gemeindesbezirk auf und erlebt, wie nachbarschaftliche Solidarität in Hass und still genährten Antisemitismus umschlagen.
Suzanne-Lucienne Rabinovici erzählt, wie ein Vater das eigene Baby erstickt, damit es mit seinen Schreien nicht die SS auf die Menschen in einem Ghetto-Versteck in Wilna aufmerksam macht. Die Mutter des Theaterautors überlebt die Deportation aus dem Wilnaer Ghetto, zwei Konzentrationslager und einen Todesmarsch nach Tauentzien.
Marko Feingold wird 1913 in Neusohl, damals k. u. k. österreichisch-ungarische Monarchie, heute Slowakei, geboren, überlebt das Konzentrationslager Auschwitz und steht heute der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg vor.
Rudolf Gelbard erlebt die Befreiung des Konzentrationslagers Theresienstadt, muss aber nach seiner Rückkehr nach Wien erkennen, dass die Ideen des Nationalsozialismus in Österreich nicht über Nacht verschwunden sind.
Fast 14 Jahre in der Wiener Porzellangasse aufgewachsen, emigriert Ari Rath wenige Tage vor den Pogromen 1938 nach Palästina. 1948 kehrt er erstmals in seine Geburtsstadt zurück, mit der er sich nie versöhnt hat: "Ich bin am Westbahnhof ausgestiegen, und es war, als wäre man auf einem Friedhof gelandet. Ganz Europa war ein Friedhof." Der Stuhl der siebenten Zeitzeugin bleibt leer: Die Künstlerin Ceija Stojka starb noch vor der Premiere des Stücks - ihre Geschichte der Roma-Verfolgung im Nationalsozialismus wird trotzdem erzählt.

Rückfragen & Kontakt:

http://presse.ORF.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRF0004