Tiroler Tageszeitung, Leitartikel vom 26. November 20114. Von FLOO WEISSMANN. "Der lange Schatten der Sklaverei".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Afroamerikaner sind zwar formal gleichberechtigte Bürger; viele von ihnen leiden aber unter Strukturen,
die ihnen die Aufstiegschancen rauben. Daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern.

Die Unruhen von Ferguson offenbaren erneut die tiefen Gräben, die die amerikanische Gesellschaft durchziehen. Und sie offenbaren erneut den krassen Gegensatz zwischen dem Versprechen des amerikanischen Traums und der tristen Realität, mit der viele Amerikaner zu kämpfen haben. In dem Land, das wie kein anderes Freiheit, Chancen und sozialen Aufstieg zelebriert, bleibt ein guter Teil der Gesellschaft von den Futtertrögen des Wohlstands ausgeschlossen.
Die Hautfarbe spielt dabei nicht zufällig eine zentrale Rolle. Afroamerikaner sind von den Problemen der amerikanischen Gesellschaft überproportional betroffen. 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei gelten Schwarze zwar auf dem Papier als gleichberechtigte Bürger. Aber die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen sind so gebaut, dass sie die bestehende soziale Ungleichheit erhalten und zum Teil noch verstärken.
Viele schwarze Familien sind in einem Teufelskreis aus Armut, niedriger Bildung, schlechter Wohngegend, mangelnder Gesundheitsversorgung, Gewalt und Auseinandersetzungen mit Polizei und Justiz gefangen. Die Existenz einer schwarzen Unterschicht wiederum bedient die Angst vieler Weißer vor dem wütenden schwarzen Mann. Sie machen auf der Straße einen Bogen um den jungen Afroamerikaner mit Kapuze, und sie wollen ihn lieber nicht als Mitarbeiter oder Mieter, wenn sie stattdessen auch einen Weißen wählen können, der ihnen vertrauter vorkommt.
Präsident Barack Obama, der einst auf beeindruckende Weise über Identität und Rassismus in den USA reflektiert hat, wirkt im Angesicht der aktuellen Protestwelle merkwürdig gehemmt und ratlos. Seine Wahl zum ersten Schwarzen im Weißen Haus hat Afroamerikanern vor sechs Jahren vorübergehend einen mentalen Aufbruch beschert, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nachhaltig geändert. Obama hat aus wahltaktischen Gründen keine Politik speziell für Schwarze gemacht. Stattdessen hätten Afroamerikaner überproportional von dem Wandel profitieren sollen, den er versprochen hat. Aber davon ist außer der Gesundheitsreform wenig geblieben. Der Rest scheiterte an der Blockade der Republikaner - der Partei der ängstlichen weißen Männer, die gerade die Kongresswahlen gewonnen hat.
Damit steht auch fest, dass die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft, die die Unruhen von Ferguson offenbart haben, auf absehbare Zeit nicht zugeschüttet werden. Eher im Gegenteil.

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