Zuviel Information, zu wenig Orientierung: Wo geht's hier zum "richtigen Film?"

Wissenschaftsrat legt Stellungnahme zur Studieneingangs- und Orientierungsphase an den Universitäten vor

Wien (OTS) - Der Übergang von der Schule zur Hochschule stellt Studierende vor völlig neue Herausforderungen: es gilt, sich in einer Welt mit noch unbekannten intellektuellen und administrativen Spielregeln zurechtzufinden. Dieser Orientierungsphase des Übergangs wird zunehmend Bedeutung beigemessen, denn weitreichende, auf dem Hintergrund eines fordernden Arbeitsmarktes schwierige individuelle Entscheidungen zu nachhaltigen Bildungs- und Ausbildungswegen müssen getroffen werden. Die Universitäten bieten neben ihren traditionellen Fachrichtungen zunehmend spezialisierte Wege und Abschlüsse an; die Universitäten stöhnen unter der wachsenden Organisationslast der ersten Semester, die durch die Anforderungen einer sinnvollen Orientierung für die Studierenden (die sowohl Interesse als auch Eignung bestätigt) nicht leichter geworden ist.

Es gibt also gute Gründe, in einer zunehmend differenzierten Hochschullandschaft dem Studienbeginn - einer Einführungsphase, Studieneingangsphase oder Orientierungsphase - besondere Aufmerksamkeit zu schenken und Studierenden zur Überzeugung zu verhelfen, dass sie, nachdem einmal die Entscheidung für die Universität getroffen wurde, dort auch "im richtigen Film" sitzen. Für die Studienrichtungen an österreichischen Universitäten wurde diese Orientierungssuche unterschiedlich gestaltet; seit drei Jahren (mit Beginn des Wintersemesters 2011/12) ist eine Studieneingangs-und Orientierungsphase (StEOP) mit bestimmten Rahmenbedingungen und Zielsetzungen auch gesetzlich verankert, die Effekte dieser Umsetzung stehen mit 2015, ebenfalls gesetzlich festgelegt, zur Evaluierung an.

Der Wissenschaftsrat hat sich aus den genannten und aus folgenden Gründen mit der aktuellen Ausgestaltung und Zielsetzung der StEOP auseinandergesetzt:

-Der Orientierungsbedarf ist auf Grund der zunehmenden Verbreiterung und Differenzierung des Spektrums der wissenschaftlichen Disziplinen (und Studien) gestiegen; Studierende weisen auf zunehmende Schwierigkeiten hin, sich im Dschungel der Angebotsfülle gezielt zu informieren. Zu konstatieren ist ein Paradoxon des Informationsmangels durch eine steigende Komplexität der Studienlandschaft bei gleichzeitiger und wachsender Detailinformation.

-Die Anforderungen, die Studierende an sich selbst stellen (Individualisierungssuche und Identitätsfindung) sind in der Spätmoderne gestiegen - das Bildungsangebot muss möglichst "perfekt" sein.

-Die StEOP wird in einzelnen Fachrichtungen, Disziplinen und Universitäten völlig unterschiedlich gestaltet und bewertet; von 0,5 bis 30 ECTS werden für die Absolvierung der vorgeschriebenen StEOP-Veranstaltungen vergeben.

-In der öffentlichen Diskussion und in der Politikgestaltung werden Eingangs- und Orientierungsphase, Zugangs- und Aufnahmeverfahren sowie die Reglementierung von Studierendenströmen miteinander vermengt. Hier gilt es, Klarheit zu schaffen und zwischen dem Ziel einer sinnvollen Orientierung und den Zielen anderer Steuerungsformen, wie der Zulassung durch Aufnahmeverfahren, zu unterscheiden.

-Die StEOP stellt einen organisatorischen Mehraufwand für die Universitäten dar; die Orientierungsphase, so sie (Um)-Orientierung erlaubt, hat für Studierende unmittelbare Auswirkungen in ihrer Verknüpfung mit dem Beihilfensystem.

Der Wissenschaftsrat empfiehlt, die StEOP fortzuführen. Die Zielsetzungen einer Studieneingangs- und Orientierungsphase (Reflexion der Studienentscheidung, Absolvierung einer Eintrittsphase) sind sinnvoll - und durch die Anforderungen eines ausdifferenzierten Arbeitsmarktes zunehmend notwendig. Die gesetzlich festgelegte "Testphase" ist abgeschlossen; die Umsetzung der StEOP an den Hochschulen entspricht jedoch oft nicht den Zielsetzungen. Es wird daher empfohlen, im Zuge einer neuerlichen Beschlussfassung die StEOP fortzusetzen und in verbesserter, reformierter Form als dauerhafte Vorgabe rechtlich zu verankern.

Die Empfehlungen finden Sie unter
http://www.wissenschaftsrat.ac.at/de/dokumente/dokumente.htm

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