Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 25. November 2014. Von NINA WERLBERGER. "Mit Phantasie gegen die Krankmacher".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Dass Arbeit immer mehr Österreicher krank macht, liegt vor allem an ihrer falschen Verteilung. Oft sind es Führungsfehler, die ganze Unternehmen in die Stress-Falle stürzen lassen. Arbeit und Leben müssen gemeinsam gedacht werden.

Arbeit macht immer mehr Österreicher krank. Dass eine Million Landsleute angibt, durch den Job gesundheitlich beeinträchtigt zu sein, hat vor allem mit einer schlechten Verteilung der Arbeit zu tun - ein Phänomen, das in Österreich besonders ausgeprägt ist. Die Österreicher arbeiten mit durchschnittlich 42 Stunden pro Woche nicht nur länger als die meisten Europäer, sie sind dadurch auch messbar kränker. Politik und Wirtschaft geben nach wie vor keine Antworten auf die Herausforderungen des beschleunigten Arbeitslebens und der alternden Bevölkerung. Dabei sind die Fehler leicht zu identifizieren. Fest steht:
Stress muss nicht sein. Er ist ein Zeichen von schlechter Führung. Wenn Stress in einer Firma zum Normalzustand oder gar zum Statussymbol wird, erkennen ihn die Gestressten als gegeben an. Mutiert Dauerdruck zum Synonym für Produktivität, kann das die ganze Firma belasten und ins kollektive Burn-out führen.
Dauernde Erreichbarkeit muss nicht sein. Wenn die Unternehmenskultur allerdings impliziert, dass alle ihr Handy immer eingeschaltet lassen, fühlen sich Beschäftigte unter Druck gesetzt, auch am Feierabend Mails zu checken. Firmen sollten das abstellen. Konzerne wie der Autobauer Daimler löschen etwa die E-Mails, die Angestellte in der Urlaubszeit bekommen, damit diese nicht am ersten Tag vom überquellenden Postfach erschlagen werden. Eine wirksame Idee. Karriere ohne Phantasie muss nicht sein. Das Konzept der horizontalen Karriere gehört gefördert, in der Menschen erfolgreich Projekte bearbeiten, statt sich in auszehrenden 70-Stunden-Wochen im Chefsessel-Erklimmen zu üben. Seitwärts-Karrieren zu ermöglichen, bedeutet auch, für eine besser verteilte Arbeitszeit bei Männern und Frauen zu sorgen. Familien können profitieren, wenn Papa und Mama jeweils flexible 30 Stunden arbeiten.
Die Rush-Hour des Lebens muss nicht sein. So nennen Soziologen jene Lebensphase vom Abschluss der Ausbildung bis zur Lebensmitte, in der sehr viel gearbeitet, eine Familie gegründet und womöglich ein Haus gebaut wird. Gerade in dieser Zeit des größtmöglichen Drucks sollte es möglich sein, phasenweise weniger zu arbeiten. Umgekehrt hätten viele Menschen mit Mitte 50 finanziell und privat den Rücken frei und könnten im Job einen Gang zulegen - anstatt sich erschöpft nach 40 intensiven Arbeitsjahren zum erstmöglichen Termin in die Pension zu retten.
Arbeit, Leben und Älterwerden gehören gemeinsam gedacht. Dem dürfen sich Unternehmen ebenso wenig verweigern wie die Berufstätigen selbst. Denn an den genannten Schrauben kann jeder Einzelne jeden Tag selbst ein bisschen drehen.

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