TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 21. November 2014 von Cornelia Ritzer - Zuwanderung geht uns alle an

Innsbruck (OTS) - Utl: Österreich würde ohne Migranten schrumpfen. Das hätte fatale Folgen für das Sozial- und Pensionssystem. Damit Menschen hier aber nicht nur arbeiten, sondern sich auch heimisch fühlen, braucht es eine neue Willkommenskultur.

Österreich wächst, und zwar stärker, als von den Experten der Statistik Austria einst angenommen. Das ist angesichts sinkender Geburtenzahlen durchaus eine gute Nachricht. Der Hauptgrund dafür, dass wir über uns hinauswachsen, ist aber die Zuwanderung. In Österreich herrscht Frieden, das Land ist besser als andere durch die Wirtschaftskrise gekommen und ist damit trotz gestiegener Arbeitslosigkeit attraktiv für viele. Im Jahr 2060 wird jeder Vierte, der in Österreich lebt, im Ausland geboren sein. Wie wichtig diese Zuwanderung ist, wird deutlich, wenn man sich die Altersstruktur der künftigen Gesellschaft ansieht. Im Vorjahr waren knapp 18 Prozent der Menschen, die in Österreich leben, 65 Jahre oder älter - im Jahr 2060 werden es knapp 29 Prozent sein. Gebe es keine Zuwanderung, also würden die Grenzen geschlossen werden, würde dieser Wert auf knapp 37 Prozent katapultiert werden. Müssen immer weniger Erwerbstätige ein derart belastetes Pensionssystem erhalten, sind die Folgekosten dramatisch. Durch den demographischen Wandel würde schließlich auch das Gesundheitssystem samt Pflege enorm gefordert.
Millionen Menschen, die in einem anderen EU-Land oder Staat geboren wurden, werden also künftig in Österreich leben. Sie kommen zu uns als Flüchtlinge oder auch als Arbeitssuchende. Eine große Aufgabe wird es sein, Österreich für diese Menschen zur Heimat zu machen. Die Politik hat den Handlungsbedarf erkannt. Das fängt bei den Sprachkenntnissen im Kindergarten an, geht über Chancengleichheit bei Ausbildung und Berufswahl bis hin zum Erkennen von gefährlichen religiösen oder gesellschaftlichen Spannungen. Die Bemühungen von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) werden zwar weithin gewürdigt, die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte machen trotzdem die fehlende Willkommenskultur sichtbar.
1,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gibt es heute hierzulande, das ist jeder Fünfte. Und auch wenn das Zugehörigkeitsgefühl langsam steigt, kann man nicht zufrieden sein, wenn sich knapp jeder Dritte nicht mit diesem Land verbunden fühlt. Die Regierung muss darauf endlich mit rechtlichen Erleichterungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt oder Wahlrecht reagieren. Völlig verkehrt wäre es aber, auf rechte Hetzer zu hören, die aus Angst vor dem Fremden die Grenzen dicht machen wollen. Denn Zuwanderer hier zu haben und willkommen zu heißen, nützt schließlich uns allen.

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