OÖNachrichten-Leitartikel: "Ein neues Gesetz als Bewährungsprobe", von Anneliese Edlinger

Ausgabe vom 21. November 2014

Linz (OTS) - Der bekannte Linzer Genetiker Markus Hengstschläger hat sich wohl zu früh gefreut. Er sah im neuen Fortpflanzungsmedizingesetz, das Paaren, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, den Zugang zur künstlichen Befruchtung erleichtert, schon so etwas wie die Erfüllung seines Lebenswerks. Zehn Jahre lang hatte Hengstschläger in diversen ÖVP-Zirkeln etwa um Unterstützung dafür geworben, Eizellenspenden zu erlauben, um damit den Tourismus unfruchtbarer Frauen in andere EU-Länder einzudämmen. Denn dort ist es längst erlaubt, bei der Erfüllung des Kinderwunsches auf fremde Eizellen zurückzugreifen.
Druck gab es auch von Seiten des Verfassungsgerichtshofes, der das Verbot von Samenspenden für lesbische Paare aufgehoben und damit den Gesetzgeber zu Änderungen gezwungen hatte. Dass es nun trotzdem intensive Debatten und in Teilen der ÖVP auch Ablehnung für das neue Gesetz gibt, das VP-Justizminister Wolfgang Brandstetter und SP-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser in Begutachtung geschickt haben, ist nicht wirklich überraschend. Immerhin ist ein Großteil der schwarzen Wählerschaft nach wie vor stark am traditionellen Familienbild mit Vater, Mutter, Kind verhaftet. Und auch wenn es wissenschaftlich keinen Beweis dafür gibt, dass Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen, Schaden erleiden würden, können große Teile der konservativen Wählerschicht wenig bis gar nichts mit einem solchen Familienbild anfangen.
Natürlich hat der Einwand etwas für sich, dass Kinder ihre leiblichen Eltern nicht nur kennen, sondern am besten auch bei diesen aufwachsen sollten. Wer aber wagt zu behaupten, dass nicht auch Adoptiv- oder Pflegekinder geliebt und geborgen in einem guten Umfeld heranwachsen? Heikel ist auch die Frage der Präimplantationsdiagnostik. Hier soll in Ausnahmefällen erlaubt werden, im Reagenzglas erzeugte Embryos auf deren Überlebensfähigkeit zu untersuchen.
Die Fragen, denen sich die ÖVP unter ihrem neuen Obmann Reinhold Mitterlehner stellen muss, sind folgende: Wie weit ist die Partei bereit, ihr Familienbild zu öffnen und zu modernisieren? Und wie weit ist sie bereit, jenen Paaren entgegen zu kommen, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können? An den Antworten wird sich zeigen, wo die ÖVP künftig einzuordnen ist.

Rückfragen & Kontakt:

Oberösterreichische Nachrichten
Chef vom Dienst
Tel.: +43-732-7805-515

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PON0001