Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Das Geld am falschen Platz"

Ausgabe vom 20. November 2014

Wien (OTS) - Deutsche Großkonzerne, die an der Frankfurter Börse notieren, haben 138 Milliarden Euro "gehortet". Statt zu investieren wird es daher 2015 zu einer Rekord-Dividendenausschüttung von etwa 30 Milliarden Euro kommen, ergaben Berechnungen des "Handelsblatts".

Gleichzeitig sucht Europa verzweifelt nach 300 Milliarden Euro, um Investitionen anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Beides zeigt sehr schön, wie ein reicher Kontinent arm werden kann, wenn das Geld so ungleich verteilt ist.

Nun kann eingewendet werden, dass die schwache Wirtschaftsentwicklung sowie Defizite im Bildungs- und Forschungsbereich Firmen abhalten, in europäischen Ländern zu investieren.

Trotzdem können Rekord-Dividenden nicht die Antwort darauf sein, denn mit deren Auszahlung ist das Geld für Investitionen endgültig verloren.

Interessanterweise schaut die europäische Politik dem recht tatenlos zu. Nun kann in einer Marktwirtschaft niemand zu Investitionen gezwungen werden, und die einschlägigen planwirtschaftlichen Versuche scheiterten kläglich.

Allerdings könnte die Frage gestellt werden, ob derart hohe Geldvermögen in Unternehmen ab einer gewissen Höhe nicht steuerlich "bestraft" werden sollten. So würde ein Teil der "Dividende" auch öffentlichen Haushalten zugutekommen und nicht nur relativ wenigen privaten Haushalten. Denn die hohen Geldvermögen in den deutschen Konzernen zeigen wohl auch, dass die Lohnabschlüsse in Deutschland jahrelang zu gering waren.

Die Folge waren schwacher Privatkonsum, sinkendes Wirtschaftswachstum und steigende Arbeitslosigkeit. Während also Jean-Claude Juncker in Brüssel intensiv überlegt, wie er 300 Milliarden auftreibt, die niemand hat, wissen Unternehmen nicht, wohin mit dem vielen Geld.

Das ist auch eine Folge des Fehlens einer europäischen Steuerpolitik. Nun wird - allerdings nach den großzügigen Steuergeschenken Luxemburgs - daran gearbeitet, die Bemessungsgrundlage für die Gewinnbesteuerung von Unternehmen zu harmonisieren. Allerdings benötigt es auch einen eigenen EU-Haushalt, um nationale Grenzen überwinden zu können. Den gibt es nicht und wird es noch länger nicht geben. Bis dahin werden wieder Milliarden auf Konzern-Konten angehäuft, statt sie zu investieren.

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