TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 18. November 2014 von Florian Madl -Am Anfang war die Blauäugigkeit

Innsbruck (OTS) - Utl: Der Weltfußballverband FIFA und das Internationale Olympische Komitee haben weltweit ihren Kredit verspielt. Westliche Demokratien dulden ihr Fehlverhalten nicht, Regime nützen es für einen Platz auf der Sportbühne.

Wer potenzielle Veranstalter von Sportgroßereignissen kennen lernen will, muss nur die Rangliste der Pressefreiheit von hinten lesen: Auf die Fußball-WM 2018 in Russland, das im Ranking der meinungsoffenen Länder auf Rang 148 liegt, folgt im Jahr 2022 die WM in Katar (Platz 113). Und für 2022 bewerben sich mit China (Platz 175) und Kasachstan (Platz 161) zwei Länder um die Olympischen Winterspiele, die fehlende Wintersporttradition mit Geld und opulenter Infrastruktur aufwiegen. Demokratie spielt dabei keine Rolle, mit diesem Unwort hatten ihnen die alten Griechen schon genug westliche Kritik eingebrockt.
Die großen Sportorganisationen, der Weltfußballverband FIFA und das Internationale Olympische Komitee (IOC), stecken in einer Sackgasse. Ihre Veranstaltungen wurden zuletzt nach Zahlungsfähigkeit und Willfährigkeit der Bewerber vergeben, bei Kandidaturen spielten ökologische und gesellschaftliche Gesichtspunkte eine kleinere Rolle als ökonomische. Wo sind sie hin, die Olympischen Spiele, als das Feuer nicht nur bei der Eröffnung, sondern auch in den Herzen der Bevölkerung brannte? Wollen wir neue Orte kennen lernen oder doch nur neue Märkte erschließen?
Die Historie prägt die anhaltende Diskussion. Die Ära des ehemaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch (1980-2001) hatte die Olympier nachhaltig geschädigt, nach dem zahmen Belgier Jacques Rogge soll nun der Deutsche Thomas Bach das globale Stimmungstief auffangen. Dass seine heute veröffentlichten Vorschläge unter dem Titel Reform laufen, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Themen wie Transparenz oder Nachhaltigkeit müssen als Verfassung jeder Non-Profit-Organisation erachtet werden, nicht bloß als Zusatzartikel.
Dass deren Präsentation zeitlich mit dem Kommunikations-Fiasko des Weltfußballverbands FIFA einhergeht, der mit seinem unglücklichen Untersuchungsbericht einen Spießrutenlauf durchmacht, scheint kein Zufall. Das IOC will sich zumindest von Präsident Sepp Blatter und seiner Gefolgschaft abheben. Der Fußballpräsident indes gelobt vor seiner fünften Amtszeit (!) Besserung, dabei erweist sich seine Organisation so transparent wie Milchglas. Geschuldet ist das ihm und seinem Vorgänger Jo o Havelange, dem langjährigen Schmiergeld-Empfänger. Wenn die laufende Debatte etwas Gutes mit sich bringt, dann das: Blauäugigkeit war gestern, Skepsis ist heute.

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