TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. November 2014 von Gabriele Starck "Eine Wundsalbe für Europa"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die erstmalige Landung auf einem Kometen darf Europa stolz machen. Die Rosetta-Mission zeigt, dass der
alte Kontinent, der global in der Bedeutungslosigkeit zu versinken droht, doch noch nicht hinterm Mond lebt.

Da hopst ein Kühlschrank 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt auf einer nach faulen Eiern stinkenden steinernen Ente herum und Europa ist begeistert. Bekommt sogar Anerkennung und Gratulationen aus aller Welt dafür.
Das tut richtig gut. "Das gute alte Europa" sah zuletzt tatsächlich ziemlich alt aus. Es laboriert noch immer an den Folgen der Finanzkrise, während die USA schon wieder mit ausgezeichneten Wirtschaftsdaten glänzen. Die Mächtigen der Welt treffen sich in Peking zum APEC-Gipfel und die Europäer sind nicht dabei - nicht nur der fehlenden geografischen Nähe zum asiatisch-pazifischen Raum wegen. Europa droht im Weltgefüge jegliche Führungsrolle zu verlieren - die politische ist es ohnehin schon lange los.
Doch nun zeigt ein Mini-Labor der Europäischen Weltraumagentur ESA in den Weiten des Alls - mit einigem rot-weiß-rotem Know-how übrigens -, dass man doch so ganz nicht hinterm Mond lebt und wirkt. Die einstigen Pioniere im All hingegen schwächeln. Die Russen hatten am Zusammenbruch der Sowjetunion zu kauen, halten aber immerhin ihre Infrastruktur und damit die Versorgung der Internationen Raumstation ISS aufrecht. Die USA sind sogar davon weit entfernt. Ihre Astronauten müssen sie von den Russen ins All transportieren lassen. Und Barack Obamas Strategie, die Raumfahrt aus Kostengründen an Private auszulagern, ist Ende Oktober nach der Explosion des privaten Raumfrachters Cygnus und dem Absturz des Passagier-Raumflugzeugs von Milliardär Richard Branson gescheitert.
Das unfreiwillige Gehopse der Landesonde Philae auf Tschuri und die Tatsache, dass ihr aufgrund seines unplanmäßigen Schattenplatzes wohl schon heute der Saft ausgeht, schmälern den Erfolg der ESA-Mission nicht, machen die Leistung nur sympathischer, weil menschlicher. Und ihr Taxi Rosetta arbeitet ohnehin in der Umlaufbahn des Kometen weiter.
Europa hat mit der Mission zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko bewiesen, dass es mit vereinten Kräften über Staatsgrenzen Noch-nie-Dagewesenes zu realisieren vermag. Und das mit verhältnismäßig wenig Geld. Denn im Vergleich zu den Summen, die die USA in Rüstung und Militäreinsätze und die EU-Staaten in Bankenrettungen stecken, sind die Raumfahrt und Weltraumforschung geradezu preiswert. Vor allem, weil es nicht nur um den Beweis technischer Leistungsfähigkeit geht, sondern Wissensgenerierung. Und da geht es immerhin um die Frage, woher wir kommen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001