ORF-Journalisten: „Sparkurs gefährdet ORF in seinem Bestand“

Beschlüsse des ORF-Redakteursausschusses

Wien (OTS) - Der ORF-Redakteursausschuss, das sind die Redakteurssprecher/innen aus allen ORF-Bereichen, hat bei seiner heutigen Sitzung folgende Resolution beschlossen:

"Die ORF-Journalistinnen und -Journalisten bekennen sich zu modernen Formen des Journalismus, neuen Arbeitsmethoden, Erzählweisen und Multimedialität. Den Wünschen des Publikums nach aktuellen Informationen, auf möglichst allen Kanälen und zu jeder Zeit, versuchen wir auf höchstmöglichem Niveau zu entsprechen.

Allerdings zeigt sich nach den harten Sparprogrammen der vergangenen Jahre, dass qualitativ hochwertiger Journalismus immer schwieriger wird. Die Redaktionen sind am Limit, eine Weiterführung des Sparkurses gefährdet die Gebührenlegitimation und damit den Bestand des ORF.

Die Einsparungen in den vergangenen Jahren haben bereits jetzt viele Redaktionen so weit schrumpfen lassen, dass ausführliche und kritische Berichterstattung immer schwieriger wird. Die Appelle der Redakteursvertretung, nicht weiter in den Redaktionen einzusparen, wurden bisher ignoriert. Im Gegenteil: dem Stiftungsrat wurde eine weitere Reduktion der journalistischen Belegschaft in den zentralen Redaktionen um 10 Prozent versprochen. Eine weitere Personalreduktion bei gleichzeitiger Steigerung der Sendeminuten reduziert Qualität und Umfang der Berichterstattung. Zum Schaden des ORF-Publikums und zur Gefährdung der Gebührenlegitimation.

Die zentralen Redaktionen von Radio, TV, Online und Teletext arbeiten mit immer knapper werdenden Ressourcen, und auch den neun Landesstudios wurde ein Sparkurs aufgezwungen, der existenz- und programmgefährdend ist.
Eine Fortsetzung der Einsparungen würde dazu führen, dass der gesetzliche Auftrag nicht mehr erfüllt werden kann. Das Sparprogramm - wie angekündigt - auch im nächsten Jahr weiter fahren zu wollen, grenzt an Realitätsverweigerung der Geschäftsführung.

Durch die geplante Zentralisierung aller Wiener Standorte am Küniglberg ist es notwendig, möglichst dezentrale Führungsstrukturen zu erstellen, um die Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Bei der Besetzung von Führungsfunktionen ist ausschließlich auf die fachliche und persönliche Eignung der Bewerber/Innen zu achten. Die ORF-Journalistinnen und -Journalisten befürchten allerdings, dass GD Wrabetz den politischen Parteien für seine Wiederbestellung im Jahr 2016 "Personalpakete" anbietet, um sich neuerlich eine breite Mehrheit im parteipolitisch besetzen Stiftungsrat zu sichern. Dagegen werden sich die Journalistinnen und Journalisten mit allen Mitteln zur Wehr setzen.

Die Versprechungen von Pluralität und Meinungsvielfalt im ORF dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse der Geschäftsführung sein.

Checkliste zur journalistischen Qualität

Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität sind als wesentliche Qualitätsmerkmale der ORF-Informationsprogramme auch in einem gemeinsamen Newsroom sicherzustellen. Die Neuorganisation des ORF darf den öffentlich-rechtlichen Auftrag der ORF-Information nicht gefährden. Die Frage, wie ein Newsroom funktioniert, ob seine Produkte glaubwürdig, vielfältig, kreativ und interessant sind oder nicht, ob sie "public value" bedeuten, ist von grundsätzlicher demokratiepolitischer und für den ORF existentieller Bedeutung. Ein sinkender Qualitätsstandard würde Publikumsakzeptanz und Gebührenlegitimation in Frage stellen.

Eine breit besetzte Arbeitsgruppe im ORF hat dazu eine "Checkliste zur journalistischen Qualität" erarbeitet. Mit dem Ziel, dass alle geplanten Maßnahmen darauf zu überprüfen sind, was sie für die journalistische Qualität im ORF bedeuten. Diese Checkliste wurde einstimmig vom Redakteursausschuss als Grundlage für weitere Vorgehensweisen beschlossen.

Auftrag an den Redakteursrat

Der Redakteursausschuss beauftragt den Redakteursrat, das seit 1974 geltende Redakteursstatut zu überprüfen, ob die Multimedialität Änderungen verlangt und ob das Statut modernisiert werden muss. Entsprechende Vorschläge sollen ausgearbeitet werden und sind dann dem Ausschuss zur Abstimmung vorzulegen.

Rückfragen & Kontakt:

Dieter Bornemann
Vorsitzender des Redakteursrates
Tel.: 01/87878/12 457

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