TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 14. November 2014 von Florian Madl "Im Zweifel für die Angeklagten"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022) sollen überwiegend sauber abgelaufen sein. Wie sauber, das definiert der Fußballweltverband FIFA selbst - der Dachverband hatte die Untersuchung schließlich selbst beauftragt.

Der Weltfußballverband FIFA hat nicht Recht gesprochen, er hat Recht sprechen lassen: Als Auftragstäter trat gestern eine Kommission in Erscheinung, die Präsident Sepp Blatter und Co. zusammenstellen ließen und die das Feigenblatt Ethik in ihrem Namen trägt. Die Frage:
Würden sich die Ermittler gegen ihre Auftraggeber wenden?
Sie taten es teilweise. Denn während der Ermittler gegen die Verdrehung mancher Tatsache berief, legitimierte der Richter die Bewerbe-Praktiken der zwei WM-Gastgeber Russland (2018) und Katar (2022). Deren PR-Aktivitäten für Stimmenfang seien in den Graubereich gegangen, aber Grau ist ja nicht Schwarz. Solange also die selbst definierte Toleranzgrenze an Verfehlungen nicht überschritten wird, scheint alles im Rahmen. Nichts dabei fanden manche Funktionäre etwa, als der brasilianische Verband während der Weltmeisterschaft 2014 mehrere Dutzend Uhren im fünfstelligen Euro-Wert an sie verschenkte. Ein deutscher Funktionär will gar nicht gemerkt haben, dass er eine Uhr mit sich führte, dem Zoll war das wohl auch entgangen.
Der gestrige Quasi-Freispruch der Ethik-Kommission sprach auch den zweifelhaften FIFA-Präsidenten Sepp Blatter in vielerlei Hinsicht frei. Der 78-Jährige hat sich damit die beste Kampagne für seine fünfte Amtszeit querfinanziert, ein bisschen Legitimation schadet nicht. Sepp Blatter ist wandlungsfähig wie wenige: einmal Robin Hood, wenn es um seine Wiederwahl als FIFA-Präsident und die Stimmen der finanzschwachen Kleinstverbände Ozeaniens geht. Dann wieder Ludwig XIV., ein Sonnenkönig mit absolutistischem Anspruch, um das Establishment zufriedenzustellen. Und bisweilen mimt der ehemalige Hotelangestellte den hemdsärmeligen Schweizer, der Neutralität an den Tag legt und nichts als das Beste für die Welt will. Und für sich. Der Report der Untersuchungskommission überführte gestern keinen, Bauernopfer hatte man bereits in den vergangenen Monaten über die Klinge springen lassen. Mit jedem Urteilsspruch hatte sich die FIFA Luft im Kampf gegen Enthüllungsjournalisten verschafft, die dem Milliardenunternehmen in die Suppe spucken wollen. Dabei wäre es dringend nötig, FIFA-Altbestände wie Präsident Sepp Blatter und den anhaltenden Kolonialstil zu hinterfragen. Aber mit Selbstkritik verhält es sich im Weltverband wie mit Ronaldo, wenn es um Defensivarbeit geht: Beides sollen andere verrichten.

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