TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 11. November 2014 von Gabriele Starck "Regionaler Egoismus"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Abspaltungsvisionen einiger Regionen haben nicht nur historische Wurzeln. In Katalonien etwa geht es vornehmlich ums Geld. Sich abzugrenzen, um es besser zu haben, ist aber auch abseits der Unabhängigkeitsbewegungen populär.

Schottland und Katalonien. Korsika und Sardinien, das Baskenland und Nordirland. Und natürlich Südtirol. Regionen, in denen Menschen mit ihrer Staatszugehörigkeit hadern.
Wo Staatsregierungen regionale Traditionen und Sprachen missachten, wird der Wunsch nach Unabhängigkeit groß bleiben oder werden. Ebenso dort, wo auf die historischen Tragödien, die sich bei vergangenen Grenzziehungen oder -verschiebungen ereignet haben, vergessen und damit auf tief verwurzelte, zum Teil schon über Generationen übertragene Verletzungen zu wenig Bedacht genommen wird.
Die Politik der aktuell für Unabhängigkeit kämpfenden - zumeist nationalistischen - Volksvertreter ist oft aber auch einfach nur populistisch. Sie ist dem Wählerfang geschuldet, indem sie Unzufriedenheiten, aber auch Überlegenheitsgefühle der Menschen für sich auszunutzen versteht. Abspaltungsträume hegen deshalb auch gerne wirtschaftsstarke und damit finanzkräftige Regionen, wie etwa Katalonien, das Piemont oder das Veneto.
Misswirtschaft und Korruption in Spanien oder Italien verstärken diese Tendenzen zwar, vor allem aber schüren lokale Politiker mit falschen Versprechungen die Vision, dass man allein erfolgreicher wäre. Es geht ganz profan ums Geld. Die Folge ist eine Entsolidarisierung mit anderen Regionen und in der Folge den Menschen dort.
Eine Entsolidarisierung, die allerdings auch anderswo zu finden ist. Etwa bei vielen Westdeutschen, die die Zeit vor der teueren Wende zurücksehnen. Oder bei jenen Nordeuropäern, die der Polemik rechter Parteien Glauben schenken, dass man nicht länger für den armen Süden, etwa Griechenland, bezahlen solle. Oder dass der Euro nur dem Norden gebühre. Sie alle bedenken nicht, dass der eigene Wirtschaftserfolg genauso auf diese Regionen und Länder zurückzuführen ist. Deutschland etwa verdient gut an vertraglich gesicherten Rüstungsexporten nach Griechenland.
Separatistischen Tendenzen sollte also nicht nur regional, sondern europaweit begegnet werden. Nicht, indem sie in die Illegalität gedrängt werden, wie in Katalonien. Sondern mit ehrlicher Politik, die nichts beschönigt und verschweigt, sondern den Menschen zumutet, mehr als nur eindimensional zu denken. Dann muss sich auch keine Regierung mehr vor einer Unabhängigkeitsabstimmung fürchten. Und dann wird der Gedanke des Vereinten Europas, der auf Kraft durch Gemeinsamkeit und Einigkeit beruht, verstanden werden.

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