TIROLER TAGESZEITUNG, Ausgabe vom 08.011.2014, Leitartikel von Christian Jentsch: "Der IS-Wahnsinn hat Methode"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Henker der Terrormiliz IS bringen die Säulen der etablierten Ordnung im Nahen Osten zum Einsturz. Und versetzen mit ihrer Barbarei die Welt in Angst und Schrecken. Doch hinter dem Wahnsinn steckt auch kühle Berechnung.

Wie aus einer anderen Welt: Frauen werden vergewaltigt, als Sexsklavinnen verkauft und gesteinigt. "Ungläubige" sterben durch das Schwert, Hinrichtungen werden auf Videos im Internet verbreitet. Auf ihren blutigen Eroberungsfeldzügen im Irak und in Syrien kennen die Kämpfer der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat keine Gnade. Andersgläubige und jene, die sich nicht unterwerfen wollen, werden ohne Gnade aus dem Weg geräumt. Im ausgerufenen Kalifat etablierten die Jihadisten eine archaisch anmutende Schreckensherrschaft. Doch die verstörenden Bilder, die uns von den Schlachtfeldern im Nahen Osten geliefert werden, zeugen nicht nur vom Wahnsinn einer Terrormiliz, die den Glauben für ihr Morden missbraucht.
Der rasante Vormarsch des IS offenbart vor allem auch die kühle Berechnung, die hinter der Fratze der radikalen Islamisten steckt. Denn die selbst ernannten Gotteskrieger hatten und haben ganz und gar weltliche Unterstützer. Dabei geht es weniger um Fragen des Glaubens als vielmehr um Geld, Einfluss und Macht in einer Region, die gerade neu aufgeteilt wird. Syrien, das im nicht enden wollenden Bürgerkrieg im Blut versinkt, und der ethnisch sowie religiös gespaltene Irak haben als Staaten de facto aufgehört zu existieren. Und im grausamen Spiel um eine neue Ordnung im Nahen Osten wollen die Regional- und Großmächte mit aller Gewalt mitmischen. Schließlich lagert viel Öl und Gas unter der umkämpften Erde. Wobei der IS einigen durchaus als Mittel zum Zweck diente.
So ist das Selbstverwaltungsgebiet, das die Kurden inmitten der Wirren des Bürgerkrieges in Syrien aufgebaut haben, der Türkei längst ein Dorn im Auge. Noch dazu, wo es von einer Partei kontrolliert wird, die eng mit der verbotenen türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verbunden ist. Ein autonomes Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei als Keimzelle für ein unabhängiges Kurdistan gilt vielen in Ankara als Alptraum. Da erschien ein stilles Arrangement mit dem IS einigen wohl als geringeres Übel. Hilfe für die bedrängten Kurden in Kobane blieb jedenfalls lange Zeit aus. Doch nicht nur die Türkei kämpft um Einfluss in einer Region, in der die Fundamente der alten Ordnung zusammengebrochen sind. Abgesehen von den USA und Russland haben auch die Saudis und die Golfstaaten auf der einen und die Iraner auf der anderen Seite ihre Figuren in Stellung gebracht. Und dabei auch radikale Gruppen unterstützt. Ein Monster wurde von der Kette gelassen. Und offenbar hatten lange Zeit nicht alle ein Interesse daran, es rasch wieder einzufangen.

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