Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Öl-Keule"

Ausgabe vom 8. November 2014

Wien (OTS) - Saudi-Arabien verbilligte den Ölpreis für US-Kunden, um dort seine Marktanteile zu halten. Ja eh. Normalerweise steigt der Ölpreis, wenn der Dollar fällt, da der Rohstoff in US-Währung gehandelt wird. Nun fällt der Dollar und auch der Ölpreis. Das ist gut für Europa, auch noch gut für die USA - aber Gift für Russland. Die russische Zentralbank hat am Freitag praktisch aufgehört, den Rubel zu stützen. Präsident Putin bezweifelt den auf Marktschwankungen zurückgeführten Preisverfall. Das kann nicht verwundern, denn die Öl-Keule entpuppt sich als schärfere Waffe als die Nato.

Dass Russland an der ukrainischen Grenze seine militärischen Muskeln spielen lässt, kann kaum verwundern. Recht viel mehr an Machtdemonstration bleibt Putin nicht übrig. Wenn es im November zu einer Einigung im Atomstreit mit dem Iran kommt, kriegt Russland noch größere Probleme. Diese Einigung würde bedeuten, dass das derzeit vom Wirtschaftsembargo betroffene iranische Öl wieder auf die West-Märkte kommt - und den Preis weiter nach unten drückt.

Die USA, die EU, aber auch Russland sollten sich allerdings langsam auch überlegen, wann sie das grausame Spiel beenden wollen. Denn der Westen setzt recht effektiv auf Wirtschaftswaffen. Russische Unternehmen, schwer im Dollar verschuldet, haben bereits große Mühe, an die Währung zu kommen. Sollte es zu ersten Zahlungsverzögerungen kommen, ist eine Russland-Pleite nicht mehr länger ein Gespenst. Der niedrige Ölpreis ruiniert das russische Budget, es drohen schon 2015 Einsparungen, die von der russischen Bevölkerung nicht gut aufgenommen werden würden.

Putin bleibt ein Ausweg, wenn er nicht als Verlierer dastehen will -und er will nicht als Verlierer dastehen: das Militär noch offensiver einzusetzen, was einem Krieg mit der Ukraine gleichkommen würde. Etliche Kreml-Beobachter sind der Ansicht, dass Putin die militärische Karte ziehen würde. Nicht nur für viele Menschen dort wäre das ein Desaster, sondern auch für Europa.

Solche Szenarien sind Horror genug, niemand sollte das ausprobieren. Auch wenn Europa vom niedrigen Ölpreis profitiert, sollte die EU-Kommission aktiv werden. Und in Russland sollte die verbliebene Vernunft Putin von militärischen Abenteuern abhalten. Wenn das nicht gelingt, wird der Preis hoch sein. Sehr hoch. Zu hoch.

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