OÖNachrichten-Leitartikel: "Das politische Amt und seine Möglichkeiten", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 8. November 2014

Linz (OTS) - Die Erwartungshaltung ist groß, die veränderte Auslage allein hat die Umfragewerte der Volkspartei nach oben schnellen lassen, früher oder später wird jedoch auch Reinhold Mitterlehner an den Punkt gelangen, an dem er liefern muss.
Er steht vor jener dominierenden Frage, die heute über jeder Führungskraft schwebt: Kann ich in einer unübersichtlicher gewordenen Welt überhaupt in die Speichen greifen, ohne mich dabei zu verletzen, in welchem Ausmaß kann ich etwas bewegen, oder bin ich selbst nur fremdbestimmtes Teil eines größeren Ganzen?
Zugleich mit der Zunahme der Komplexität der Dinge hat sich das Obrigkeitsdenken abgenutzt und die Distanz zum Funktionsträger und der Respekt vor ihm abgenommen, auch mit der Dauer-Durchleuchtung desselben, mit der Besudelung der Mandatare in den Foren, mit den inflationären politischen Auftritten. Heute gilt selbst der Handschlag eines Spitzenpolitikers als nichts Besonderes mehr. Alle, die in der Öffentlichkeit stehen, sind damit greifbarer und zugleich verletzlicher geworden, die Fesseln, die ihnen durch die Funktion angelegt werden, sind eng verknotet. Dies wäre weiter nicht schlimm, doch es hat Durchsetzungskraft zerstört. Dabei wird niemand so sehr in seinen Möglichkeiten überschätzt wie ein Kanzler, Ähnliches gilt für Minister, die Landeshauptleute. Wollen sie gegen einen mächtigen Wählerstrom schwimmen, erfordert dies den Einsatz der ganzen Person, wer ein Land wenden will (oder eine Firma), muss zum Äußersten bereit sein, auch, seine Position dafür zu opfern - Stichwort "Schröder". Es sind - in schwierigen Zeiten ganz besonders - jedoch eher die Organisationen, die die Leute verändern, als umgekehrt.
An dieser Stelle kommen damit der Wert und die Bedeutung einer überlegten Symbolik ins Spiel. Bereitschaft zum Wandel kann auch anders zum Ausdruck gelangen, etwa durch Mimik, Gestik, Verhalten. Papst Franziskus taugt als Beispiel für diese Behauptung. Ihm fliegen die Sympathien zu, dabei hat er noch keine einzige fundamentale Position verändert. Auch er wird irgendwann liefern müssen, nur lässt ihm die Kirche dabei mehr Zeit, als es in der Politik der Fall ist. Dort ist die Zeitspanne zwischen hoher Erwartung und tiefem Fall viel geringer, damit die Kluft zwischen Frühling und Herbst der Karriere, womit wir bei Obama wären.

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