DATUM: Internetskandal mit gekauften Postings

Wie eine Wiener PR-Agentur mit bezahlten Jubelpostings über Jahre die öffentliche Meinung in Internet-Foren manipulierte.

Wien (OTS) - Wie das Monatsmagazin DATUM in seiner am Freitag erscheinenden Ausgabe berichtet, manipulierte die PR-Agentur Modern Mind Marketing von Wien aus im großen Stil die öffentliche Meinung in Userforen im Internet. Unter dem Begriff "Online-Reputationsmanagement" bietet die Firma seit zehn Jahren an, anonym positive PR-Postings für Unternehmen in Internet-Foren zu platzieren. Dabei schickte die Agentur Mitarbeiter, ausgestattet mit zahlreichen gefälschten Online-Identitäten, in diverse Foren. Unter genauer Anleitung schrieben sie dort verdeckt, also ohne den Auftraggeber zu nennen, positive Meldungen über die Kunden der Agentur. DATUM liegen neben zehntausenden solcher Jubelpostings und den Aussagen mehrerer ehemaliger Agenturmitarbeiter hunderte Kampagnen inklusive Konzepten, Berichten und Verträgen vor. Gemäß einer konservativen Schätzung hat die Agentur zahlreiche Internetforen bislang mit hunderttausenden gekauften Postings überschwemmt.

Zum Kundenstock der Agentur zählten Staatsunternehmen wie die ÖBB und Postbus, Banken wie die Bank Austria, der Glücksspielkonzern Österreichische Lotterien, die ehemalige Mobilkom Austria, der Pharmariese Bayer Austria, Parteien wie die ÖVP Wien und viele mehr.

So schickte etwa die ÖVP Wien unter dem damaligen Vorsitzenden und Wissenschaftsminister Johannes Hahn Jubelposter ins Netz, die Hahn während der Studentenproteste "unibrennt" im Jahr 2009 anonym unterstützten: "Ich finde es toll, dass Hahn, obwohl er selber anscheinend nicht so protestieren würde, doch Verständnis für die Proteste und die Besetzung hat", lautet eines der zahlreichen Postings. Die Bank Austria beschäftigt die Internetsöldner, seit es im Herbst 2012 zu Problemen beim Online-Banking kam: "Solche Sachen können passieren!" Von der ÖBB wiederum lassen sich noch heute tausende positive Kommentare im Netz finden, die die Agentur zwischen 2007 und 2011 produzierte. Wie etwa dieses: "Das sind einfach nur Hetztiraden gegen die ÖBB - alles wird ohne Zusammenhang gesetzt und verteufelt."

Sprecher von ÖBB und Bank Austria bestätigen die Zusammenarbeit mit der PR-Agentur Modern Mind Marketing. Die Bank Austria sagt, es habe sich bei den Jubelpostern um "unabhängige Blogger" gehandelt. Die Zusammenarbeit mit der Agentur hat die Bank aufgrund der DATUM-Recherchen trotzdem "auf Eis gelegt". Bei der ÖBB spricht man von "Schatten der Vergangenheit". Die ÖVP Wien wiederum bestreitet die Vorwürfe trotz der Vorlage von Verträgen, Berichten und Postings ebenso wie die PR-Agentur selbst.

Martin Kirchbaumer, Geschäftsführer der Agentur Modern Mind Marketing, bestätigt laut DATUM, dass seine Agentur nach wie vor anonyme Poster ins Netz schickt. Er nennt sie "Online-Journalisten". Warum die Poster das ökonomische Interesse ihrer Auftraggeber nicht offenlegen? "Eine Offenlegung funktioniert nicht, weil einem Firmenvertreter nichts geglaubt wird", sagt Kirchbaumer. Ein ethisches Problem sieht er dabei nicht.

Während Renate Skoff, stellvertretende Vorsitzende des heimischen PR-Ethikrates, diese Geschäftspraxis "eindeutig verurteilt", hält der Medienanwalt Thomas Höhne das Vorgehen sogar für "wettbewerbswidrig".

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Stefan Kaltenbrunner
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