Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 3. November 2014; Leitartikel von Peter Nindler: "Verantwortung 2014"

Innsbruck (OTS) - Utl: Das Land Tirol hat gegenüber Missbrauchsopfern von Landesheimen eine besondere Verantwortung. Wenn traumatisierte Menschen aber wie gegen Windmühlen um die Beurteilung ihrer Ansprüche kämpfen müssen, besteht Handlungsbedarf.

Die Opfer von Missbrauch in Heimen des Landes, der Kirche oder von privaten Institutionen waren (sexueller) Gewalt hilflos ausgesetzt. Das System schaute weg oder einfach nicht hin. Erst 2010 ließ sich der systematische Missbrauch von Schutzbefohlenen bis in die späten1980er-Jahre nicht mehr verheimlichen. Eine Welle schwappte über und stürzte auch die katholische Kirche mit ihren Heimen und Internaten in eine ihrer schwersten Krisen. Kirche und Land Tirol stellten sich ihrer Verantwortung, die Landesregierung hat bisher rund 3,2 Mio. Euro an mehr als 300 Missbrauchsopfer in Landesheimen ausgezahlt.
Doch es gibt noch eine zweite Ebene: Nach den traumatisierenden Heimerlebnissen konnten viele Jugendliche nicht mehr in ein normales Leben zurück. Körperliche und psychische Züchtigungen sowie sexuelle Gewalt haben junge Menschen zerstört und sie für ihr späteres Leben stigmatisiert. Wenn eine heute 71-jährige Salzburgerin jetzt auch zivilrechtlich Schadenersatz von 900.000 Euro gegen das Land Tirol geltend macht, dann sollte sich die Landesregierung dieser Forderung einfach stellen. Denn der Schatten des Heims St. Martin in Schwaz lastet noch heute auf der Tiroler Jugendwohlfahrt. Das ehemalige Mädchenerziehungsheim symbolisiert Zucht und Disziplin im Erziehungsalltag, die häufig in Gewalt und Missbrauch ausgeartet sind. In diese Kategorie fällt auch die Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl an der Innsbrucker Klinik.
Die bereits eingetretene Verjährungsfrist steht einer rechtlichen Beurteilung der Ansprüche der Frau jedoch entgegen. Die 71-Jährige muss nachweisen, warum sie nicht schon früher geklagt hat. Schließlich verzichtet das Land nicht auf den Einwand der Verjährung. Rechtsstaatlich hat Sozial-LR Christine Baur (Grüne) Recht, doch es wäre Unrecht, wenn allein wegen der Verjährung die Forderungen der Missbrauchsopfer von landeseigenen Institutionen nicht einmal inhaltlich geprüft werden können. Aus dieser Beurteilung heraus würde sich nämlich eine Richtschnur für gleichgelagerte Fälle ergeben. Ob es dem Land passt oder nicht: Diese Verantwortung muss die Landesregierung offensiv annehmen.
Es ist eine besondere Verantwortung. Die erlittenen Verletzungen können nicht getilgt werden. Doch es entstehen neue, wenn wie bei der Salzburgerin die Frage der Verjährung gutachterlich noch immer nicht geklärt ist. Und das nach einem Jahr. Vier Jahre nach Bekanntwerden des Heim-
skandals schmerzt
das richtig.

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