Enquete: Wie sieht die Zukunft der Spitalsärzte aus? (2)

Harnoncourt: Mischformen der Versorgung

Wien (OTS) - Der Geschäftsführer der Malteser Deutschland GmbH, der österreichische Arzt Franz Harnoncourt, machte sich Gedanken, ob die Sektorengrenzen stationär - ambulant, intra- und extramural noch Zukunft haben. Harnoncourt verwies im Zusammenhang mit der zunehmenden Ökonomisierung auf die verstärkte Nutzung neuer Versorgungs- und Kooperationsmodelle wie zum Beispiel Radiologie, Physiotherapie, Pathologie oder Labor. Die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Betreuung würden in den Hintergrund treten, da Spitalsärzte etwa auch zu ambulanten Behandlungen herangezogen werden könnten wie bei seltenen Erkrankungen und hochspezialisierten Leistungen. Gleichzeitig sollte es niedergelassenen Ärzten möglich sein, Spitalseinrichtungen zu nützen. Weitere ökonomisch sinnvolle Verbesserungsmöglichkeiten ohne Qualitätsverlust seien nach Harnoncourt die vermehrte Durchführung ambulanter Operationen, die Auslagerung von prä- und poststationären Leistungen, ambulante geriatrische Institutsambulanzen als vorgelagerte Stufe zwischen Hausarzt und stationärer Akutversorgung. Ein besonderes Potenzial erkennt der Spitzenmanager der deutschen Malteser-Organisation in der Einrichtung und Nutzung von zeitgemäßen und praktikablen Zusammenarbeitsformen unter ärztlicher Leitung. Er führte Beispiele aus Deutschland an, wonach fachgleiche und fächerübergreifende ärztliche Kooperationen anders als in Österreich gleichsam "grenzenlos" möglich seien. Das betrifft die Anzahl der kooperierenden Ärzte ebenso wie etwa auch die Anstellung von Ärzten oder Vertretern anderer Gesundheitsberufe.

Heinisch: Moderne Kooperationen gefordert

Mit Harnoncourt ging der Geschäftsführer der österreichischen Vinzenzgruppe, Michael Heinisch, konform, der in liberalen Kooperationsformen ebenso eine große Chance sieht. Die "leichtere Gründung solcher Einrichtungen kann ganz wesentlich zur Entlastung der Spitäler beitragen", sagte Heinisch. Das Beispiel der Spitalspartnerschaft von Barmherzigen Schwestern und Barmherzigen Brüdern in Linz zeige Einsparungsmöglichkeiten von fünf Mio. Euro auf. Sie ergeben sich aus der Setzung von medizinischen Schwerpunkten für jedes Krankenhaus sowie die gemeinsame Führung von medizinischen Einrichtungen wie Labor und Pathologie sowie der gemeinsame Betrieb von Küche oder Reinigung. Heinisch: "Durch die Zusammenarbeit werden Größennachteile aufgehoben". Kleinere Spitäler könnten damit ebenso effizient und ökonomisch geführt werden wie große. Die "optimale Größe" nach einer aktuellen Auswertung liege bei etwa 400 bis 500 Betten, wobei der Erfolg respektive Misserfolg aus ökonomischer Sicht nicht unbedingt mit der Spitalsgröße korrelieren müsse.

In der integrierten Versorgung liege Potenzial zur Weiterentwicklung des Systems, doch sei ein wesentlicher Hemmschuh dafür etwa die unterschiedliche Bezahlung gleicher Leistungen in Niederlassung oder Spital. Die durchgängige Betreuung von Patienten in einem harmonischen Zusammenspiel verschiedener Einrichtungen im Gesundheitssystem könnte nur unter Rahmenbedingungen erfolgen, die das Einzelinteresse von Anbietern (Spital, Gruppenpraxen, Ordinationen) neutralisieren und gleiche Voraussetzungen schaffen.

"Ziel ist es, dass Patienten dort ihre Behandlung bekommen, wo sie unter medizinischen Gesichtspunkten am effektivsten und unter ökonomischen Gesichtspunkten am kostengünstigsten durchzuführen ist", sagte der Chef der großen privaten Krankenhausgruppe.

Wie viel Geld bringen Kooperationen?

Insgesamt bezifferte Heinisch das "Ausgabendämpfungspotenzial durch Kooperationen" mit knapp zwei Milliarden Euro. Dabei brächte die Spezialisierung und Arbeitsteilung im stationären Bereich der Spitäler und die Nutzung von Verbundeffekten 795 Mio. Euro, die Zusammenarbeit bei nichtmedizinischen Leistungen geschätzte 430 Mio., die verbesserte Kooperation in der ambulanten Versorgung 278 Mio., mehr Zusammenarbeit bei der Nachbetreuung 128 Mio., die Entlastung durch ambulante Betreuung etwa in Gruppenpraxen oder anderen kooperativen Einrichtungen 294 Mio., sowie die Verlagerung von stationären Aufenthalten zu Eintages-Aufenthalten 95 Mio. Euro. Doch solange die Finanzierung zwischen Sozialversicherung und Gebietskörperschaften fragmentiert sei und es wesentliche Kosten-verschleiernde Transparenzdefizite gebe ist das wohl noch Zukunftsmusik.

Konkrete Beispiele von Kooperationen und Arbeitsteilung etwa durch Doppelprimariate, ihre Vor- und Nachteile, brachten abschließend die Leiter der Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe der oberösterreichischen Krankenhäuser Steyr und Kirchdorf, Univ.Prof. Hermann Enzelsberger, sowie der ärztliche Leiter des Universitätsklinikums Tulln, Univ. Prof. Peter Lechner. (ms) (Schluss)

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