Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "Der Terror wirkt"

Ausgabe vom 24. Oktober 2014

Wien (OTS) - Wie aus Träumen Alpträume werden können, das zu zeigen zählt schon lange zur Kernkompetenz Hollywoods. Steven Spielberg, der meisterhaft mit Ängsten und Sehnsüchten hantiert, hat 2002 in "Minority Report" die Vision einer Gesellschaft in Szene gesetzt, in der Mörder dank hellseherischen Fähigkeiten verhaftet werden, noch bevor sie Morde begehen.

Natürlich entpuppt sich die schöne neue Welt im Laufe des Films als düstere Vision totalitären Zuschnitts.

Dem Terror der Islamisten gelingt es nun, dass freie Gesellschaften realiter über den verführerischen Reiz diskutieren, den die vorbeugende Verhaftung möglicher Täter in sich trägt. Wenn es stimmt, dass der Attentäter von Ottawa als Islamist den Behörden bekannt war, dann schließt sich daran unweigerlich die Frage: Warum ist er nicht vorbeugend aus dem Verkehr gezogen worden, bevor er zum Attentäter werden konnte? Dass der mutmaßliche kanadische Islamist möglicherweise geistig verwirrt war, ist allenfalls für die Beurteilung des Einzelfalls relevant, nicht aber für den Tenor der Debatte.

Tatsächlich geht es längst nicht mehr um eine Auseinandersetzung mit Einzelfällen; der internationale Islamismus hat es geschafft, dass sich der Westen (und nicht nur er) insgesamt bedroht fühlt. Das war von vornherein das strategische Ziel, und dieses Ziel haben Al-Kaida, IS & Co erreicht. Dass nun Kanada zum Anschlagsziel wurde, zeigt, dass es jedes Land treffen kann.

Natürlich ist jetzt vom Versagen der Sicherheitsdienste die Rede; logisch, der mutmaßliche Täter war ja einschlägig amtsbekannt. Hätte die Polizei alle mutmaßlichen Dschihadisten vor dem Attentat verhaftet, würden wir nun mit Sicherheit über einen Angriff auf den liberalen Rechtsstaat streiten und darüber, wie weit eine freie Gesellschaft bereit ist, ihre Freiheit dem eigenen Schutz zu opfern.

Bisher konnten die kanadischen Bürger unbehelligt bis an die Türen ihres Parlaments schlendern; das wird sich mit Sicherheit ändern. Die Abschottung der politischen Elite von ihren Bürgern ist nicht nur eine reine Sicherheitsmaßnahme, sie ist auch von hochgradig symbolischer Natur in einer liberalen Demokratie, treibt sie doch einen höchst sichtbaren Keil in die Gesellschaft. Darauf legen es die Gegner der freien Gesellschaft an. Und wir finden keinen anderen Weg, uns gegen diese Gefahr zu wappnen.

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