• 22.10.2014, 16:15:37
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MEDIENTAGE MÜNCHEN 2014 Eröffnung und Fernseh-Gipfel: Kein Spaziergang, kein Gipfelsturm, aber eine Tour d'Horizon

München (ots) - Digitale Geschäftsmodelle und ihre Regulierung, die
aktuelle Transformation des (On-line-)Fernsehens und die Frage nach
publizistischer Qualität: Bei der Auftaktveranstaltung der MEDIENTAGE
MÜNCHEN wurde deutlich, wie eng diese Themenfelder zusammenhängen,
wenn es darum geht, Orientierung in einer digitalen Medienwelt zu
schaffen. Als zentrale Überschrift diente dabei das Kongress-Motto
"Kein Spaziergang. Wege zur digitalen Selbstverständlichkeit".
"Letzten Endes setzt sich immer wieder Qualität durch", antwortete
der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, als er bei einem
Interview auf dem Podium von Moderatorin Jeannine Michaelsen nach
seiner Prognose für zukünftige Medienentwicklungen befragt wurde. Die
Politik habe die Aufgabe, unterschiedliche Interessen auszugleichen
und auszubalancieren. Es gehe darum, in der Internetwelt möglichst
viele Dinge zu ermöglichen, etwa die Erfassung und Analyse digitaler
Daten zum Wohle der Menschen. In Anspielung auf Diskussionen über die
große Marktmacht amerikanischer Online-Konzerne merkte Seehofer
schlicht an: "Ich schimpfe nicht über Google, ich nutze es."
Selbstbewusst gelte es, sich eigene Geschäftsmodelle für ähnliche
Erfolge auszudenken. Am Ende würden Menschen immer diejenigen Medien
bevorzugen, von denen sie sich den größten Nutzen versprechen. Das
gelte auch für das Fernsehen. Siegfried Schneider, Präsident der
Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und Vorsitzender der
Gesellschafterversammlung der MEDIENTAGE MÜNCHEN, sagte, angesichts
von Digitalisierung und Globalisierung sei ein fairer Wettbewerb nur
möglich, wenn für alle Wettbewerber vergleichbare rechtliche
Rahmenbedingungen gelten würden: "Je weiter durch die Konvergenz die
Grenzen zwischen Rundfunk, Internet und Print verschwimmen, umso mehr
müssen wir die aktuellen Regulierungsnormen für stark regulierte
Medienmärkte wie Hörfunk und Fernsehen hinterfragen", regte der
BLM-Präsident an. Um Menschenwürde, Urheberrechte und Vielfalt zu
schützen und den Jugendmedienschutz zu sichern, sei ein "europaweit
abgestimmtes Verfahren" erforderlich. Die aktuelle Situation der
Medienbranche "zwischen linearem Fernsehen, Video on Demand und
Streaming" bewertete Schneider optimistisch und sprach von einer
"neuen, Erfolg versprechenden Ära von Bewegtbildangeboten".

Die komplexen Spielregeln und Rahmenfaktoren der digitalen Ökonomie
beleuchtete zum Auftakt der MEDIENTAGE MÜNCHEN auch die Keynote von
Timotheus Höttges. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom AG
analysierte bei einer Tour d'Horizon, dass Skalenvorteile wie Größe
und Netzwerkeffekte über den Erfolg im Internet entscheiden. Ziel der
großen US-Internetkonzerne seien Monopole. "Für das einzelne
Unternehmen mag das vielleicht gut sein. Aber es ist schlecht für die
Gesellschaft", warnte Höttges. Er forderte, statt geschlossener
Systeme (z.B. Amazon Kindle, Apple) offene Standards zu schaffen, und
zwar "am besten zusammen mit Partnern, die die Wertschöpfung der
Internetwelt kennen und sie auch entsprechend beherrschen".

Höttges referierte, eine zentrale Rolle spiele künftig auch das
Phänomen Big Data. Der amerikani-sche Streaming-Dienst Netflix
analysiere täglich vier Millionen Kunden-Bewertungen und dreißig
Millionen Streams. Auf einer solchen Basis ließen sich
personalisierte Multimedia-Angebote schaf-fen, so erklärte Höttges,
die Text-, Bild-, Audio- und Video-Elemente kombinieren. Um im
globalen Medienwettbewerb mithalten zu können, komme es nicht nur auf
Inhalte (Content) an, sondern auch auf gute Empfehlungs-Algorithmen
(Recommandation) und auf einfache Bedienbarkeit (Usa-bility).
Voraussetzung seien hybride Netze, um verschiedene Technologien wie
Rundfunk, WLAN, Festnetz und Mobilfunk zu vereinen. An die
Medienpolitik wandte sich Höttges mit folgender Kritik: "Wir haben es
in vielen Bereichen mit einer Überregulierung und in anderen mit
einer Fehlregulierung zu tun." Wenn Größe ein ent-scheidender Faktor
der digitalen Ökonomie sei, müsse auch europäische Größe möglich
sein. Für die Datenübertragung forderte der Telekom-Chef verschiedene
Qualitätsklassen. Schließlich ent-spreche es der wirtschaftlichen
Logik, "wenn unterschiedliche, wichtige Datentransporte auch
un-terschiedlich bezahlt werden müssen". Zum Thema Big Data merkte
Höttges an, es helfe nicht, die Auswertung großer Datenmengen zu
blockieren. Vielmehr müssten geeignete Algorithmen eingesetzt werden,
um bessere und individualisierte Produkte anzubieten. Voraussetzung
dafür seien der Schutz der Privatsphäre durch die Anonymisierung und
Pseudonymisierung aller Daten. Die Frage nach der Gewinnung von
Nutzungsdaten spielte auch eine zentrale Rolle bei der Diskussion der
ersten großen Gipfel-Veranstaltung der MEDIENTAGE MÜNCHEN. Während
die klas-sischen TV-Programmanbieter noch immer auf Daten der
repräsentativen GfK-Erhebung zurückgreifen müssen, operieren Anbieter
von Video on Demand im Internet schon mit viel detaillierteren
Nutzerprofilen. "Wir können viel besser sehen, was das Publikum
will", argumentierte Christoph Krachten. Er ist Präsident von
Mediakraft Networks. Das Unternehmen vermarktet als
Multi-Channel-Network mehr als 2.500 Streaming-Angebote (Youtube) und
erreicht nach eigenen Anga-ben insgesamt etwa 16 Millionen Zuschauer.
Vorteil von Online-Videos sei, dass die Anbieter je-derzeit sehen
könnten, was wie stark akzeptiert werde. Dr. Christoph Schneider,
Geschäftsführer der Amazon Instant Video Germany GmbH, schilderte,
wie Amazon für sein Streaming-Angebot (Amazon Instant Video)
Pilot-Fassungen neuer Serien gratis ins Internet stellt, um den
möglichen Erfolg zu testen. Findet das bessere Fernsehen also längst
non-linear im Internet statt? Die Vertreter der großen
TV-Programmanbieter sind anderer Ansicht. Der ARD-Vorsitzende und
NDR-Intendant Lutz Mar-mor unterstrich, viele könnten die
Online-Videos gar nicht nutzen. Schließlich verfüge noch immer etwa
ein Fünftel der Bevölkerung über keinen Internetzugang. Wolfgang
Link, Vorsitzender der Geschäftsführung von ProSiebenSat.1 TV
Deutschland, betonte, für die großen TV-Events bleibe die
gleichzeitige lineare Ausstrahlung eine wichtige Voraussetzung. Über
den Second Screen könnten dann begleitende Angebote unterbreitet
werden. "Der große Screen wird weiter klar von den großen Sendern
bespielt werden", sagte Link voraus. Dort werde "Exklusivität und ein
Must-See-Gefühl" geboten. TV-Moderator und Produzent Klaas
Heufer-Umlauf, der die Diskussion auf dem Fernseh-Gipfel leitete,
wollte wissen, wer künftig die Inhalte für den TV-Bildschirm im
Wohnzimmer dominiere. Bei Live-Events gebe es zur linearen
Ausstrahlung auf große Bildschirme keine Alternative, urteilten die
Experten einhellig. Zusätzlich biete das Internet aber eine Fülle
spannender Möglichkeiten. Zu den Vorteilen von Youtube etwa zähle,
dass dort neue Formate zu niedrigen Kosten getestet wer-den könnten,
sagte Sharzad Rafati, Gründerin und Geschäftsführerin von Broadband
TV.

Das Unternehmen Broadband TV vermarktet Online-Videos, ist eines der
größten Multichannel-Networks weltweit und betrachtet Deutschland als
einen Schlüssel-Markt. Rafati lobte die hohen Qualitätsstandards des
dualen Rundfunksystems. Broadband TV habe die Größe seines Netzwerkes
im vergangenen Jahr verdoppelt und wolle die Lücke zwischen den
"alten Medien" und den "neuen Playern" schließen. "Das Publikum sagt
ihnen, was es möchte", lautete Rafatis kategorischer Imperativ, der
auf der Überzeugung beruht, dass die Auswertung von
Online-Nutzerdaten das ideale Instrument zur Planung erfolgreicher
TV-Formate ist. Gary Davey, der als Executive Vice President das
Programm von Sky Deutschland verantwortet, ist da anderer Ansicht:
Die Magie am TV-Geschäft sei doch, "dass niemand weiß, was die
Zuschauer eigentlich sehen wollen, und die Zuschauer selbst dies auch
nicht wissen, bis sie es endlich sehen." Eine ähnliche Meinung
vertrat auch Prof. Nico Hofmann. Der Produzent und Vorsitzende der
Geschäftsführung der UFA Fiction GmbH forderte ein Bekenntnis zur
Qualität. "Wir wollen keine Berieselung", zeigte sich Hofmann von
anspruchsvollen Stoffen überzeugt. Nur mit ihnen könne man sich
angesichts der unendlichen Zahl neuer Plattfor-men und Angebote
wirkungsvoll auf dem Weg in die Zukunft von anderen unterscheiden -
kein Spaziergang eben.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.medientage.de

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