TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 22. Oktober 2014, von Florian Madl: "Kein Fettnäpfchen scheint unerreichbar"

Innsbruck (OTS) - Innsbruck hat keine Karnevalstradition, der FC Wacker indes schon. Seit über einem Jahrzehnt strauchelt der FC-Tirol-Nachfolger durch die Bundesliga, liefert Possenspiele mit Seriencharakter ab und frappiert dabei die Öffentlichkeit.

Ein wenig erinnert der FC Wacker an den hungrigen Gast eines Steh-Buffets: Welches Fettnäpfchen sich auch anbietet, der Fußball-Traditionsverein tappt hinein. Es ist nämlich nicht allein die jüngste sportliche Talfahrt, dass man den Schwarzgrünen mit einer Mischung aus Lachen und Befremden beim Stolpern zuschaut. Der gestrige Trainerrauswurf nährt diese Stimmungslage.
Michael Streiter war erst im Juni in seinem Amt bestätigt worden. Sein Vertrag wurde verlängert, obwohl der Volderer sich das nach dem Abstieg nicht verdient hätte. Und Streiter wurde gestern gefeuert, obwohl er nur sechs Stunden zuvor noch in seinem Amt bestätigt worden war: von einem 33-jährigen Sportdirektor ohne weitreichende Erfahrung, der jetzt für fünf Runden den Chef mimen darf und sich dann wieder in die Rolle des Sportdirektors zurückzieht. Der FC Wacker hat sich seinen Ruf als Ausbildungsverein nach dem Abstieg zum Programm gemacht - aber das gilt wohl nicht für die wichtigsten strategischen Positionen!
Es ist diese Regelmäßigkeit, mit der einem dieser Verein Bonmots beschert: Der Transferzeit im Sommer folgen nicht erfüllte sportliche Erwartungen bis März, ehe der Bittgang zu öffentlichen Geldgebern das Spieljahr abrundet und Besserung gelobt wird. Gepatzt wird dabei nach Noten, zuletzt mit besonderer Akribie.
Altgediente Spieler wurden mit Langzeit-Verträgen geködert, deren Auflösung teuer käme. Anstatt die zweite Liga als Chance zu sehen und jungen Tirolern eine Vision zu eröffnen, wird der Aufstieg als Ziel proklamiert. Das nährt Zweifel, auf die der Vorstand äußerst dünnhäutig reagiert. Wacker-Präsident Josef Gunsch orakelte gestern, dem liege wohl die Ausnahmestellung des Klubs zugrunde.
Kritiker würden deshalb besonders schnell ihre Stimme erheben, Trainerstühle aufgrund des öffentlichen Drucks früher wackeln als anderswo. Kurios: Mit eben dieser Rolle des Platzhirsches kokettiert der Verein, das 100-jährige Bestehen wurde geradezu als historisches Ereignis zelebriert, selbst die Beginnzeit einer Generalversammlung orientiert sich am Gründungsjahr (19.13 Uhr). Die Öffentlichkeit nimmt den Verein mit all seinen Beteuerungen nicht mehr ernst. Denn nicht nur die oberste Spielklasse im Fußball, auch Vertrauen ist etwas, was sich eine Institution erarbeiten muss. Vor allem dann, wenn diese ganz unverhohlen viel öffentliches Geld für ihre gesellschaftspolitische Aufgabe verlangt.

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