Presserat: Bilder zu Suizidbericht in "Kronen Zeitung" verstoßen gegen Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats bewertete in seiner letzten Sitzung zwei Bilder, die dem Artikel "Urlauber (25) stürzt in Tod" beigefügt worden waren, veröffentlicht am 11.07.2014 in der "Kronen Zeitung".

Ein Bild zeigt einen 25-jährigen Studenten während des Sturzes nach einem Sprung von einem Hoteldach. Auf dem zweiten Bild sieht man den Studenten tot auf dem Boden liegend und von mehreren Personen umringt. In dem Artikel zu den Bildern wird darüber berichtet, dass der Student Suizid begangen habe.

Der Senat hat das Verfahren aus eigener Wahrnehmung eingeleitet, die "Kronen Zeitung" hat daran nicht teilgenommen.

Laut Senat verstößt die Veröffentlichung der beiden Bilder gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 12 (Suizidberichterstattung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In seiner Entscheidung hält der Senat zunächst fest, dass der Moment des Todes grundsätzlich zu dem Bereich zählt, der vom Persönlichkeitsschutz erfasst wird. Auf dieses Prinzip ist im Falle eines Suizids genau zu achten. Nach Auffassung des Senats verletzen die Darstellungen des Betroffenen während des Sturzes und tot auf dem Boden liegend dessen Würde (siehe Punkt 5.1 des Ehrenkodex für die österreichische Presse).

Die Veröffentlichung der Bilder erschwert außerdem die Trauerarbeit der Angehörigen, so der Senat weiter.

Die Darstellungen sind auch ein schwerwiegender Verstoß gegen Punkt 12 des Ehrenkodex, wonach die Berichterstattung über Suizide im Allgemeinen große Zurückhaltung erfordert. Bilder können eine große Suggestivkraft entfalten; bei einem Suizid sollten die Medien bei der Auswahl von Bildern nach Meinung des Senats besonders verantwortungsvoll handeln.
Je weniger Details über den Suizid geschildert werden, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass die Berichterstattung gefährdete Personen zur Nachahmung anregt. Insbesondere das Bild, das den Betroffenen während des Sturzes zeigt, birgt die Gefahr der Nachahmung. Bei suizidgefährdeten Personen könnte dieses Bild den Entschluss zum Suizid auslösen.
Aus medienethischer Sicht ist die Veröffentlichung derartiger Bilder tabu, unabhängig davon, ob es sich bei dem Betroffenen um eine prominente oder - wie im vorliegenden Fall - eine in der Öffentlichkeit nicht bekannte Person handelt.

Der Senat sieht sich anlässlich dieses Falles zu einer allgemeinen Bemerkung veranlasst: Es hat den Eindruck, dass in letzter Zeit manche Medien weniger behutsam über Suizide berichten. Der Senat mahnt deshalb größere Zurückhaltung ein. Wegen der potenziellen Nachahmungstaten von suizidgefährdeten Personen geht es bei diesem Thema im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUS EIGENER WAHRNEHMUNG

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 2 des Presserats auf eigene Initiative ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aus eigener Wahrnehmung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" nicht Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der "Kronen Zeitung" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.
Die Entscheidung im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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