Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Die Börsen-Story"

Ausgabe vom 16. Oktober 2014

Wien (OTS) - Seit einiger Zeit bröckeln die Aktienmärkte, nun beschleunigt sich die Talfahrt. Der Wiener Börse-Index ATX legte eine gehörige Talfahrt hin und steht auf dem Niveau vom Herbst 2012. Die Frankfurter Börse ist wieder dort, wo sie zu Jahresende 2013 war. Und auch die New Yorker Börse verwöhnt die Anleger nicht. Wie weit der Rutsch geht, traut sich derzeit niemand zu sagen. Wer in Russland investiert ist, sollte am besten nicht hinschauen und vor allem nicht vom Rubel in den Euro umrechnen.

Die Börsen sind derzeit in einem schlechteren Zustand als die Konjunktur. Das ist eigentlich erstaunlich, denn sowohl im Euro als auch im Dollar ist das Zinsniveau so tief, dass es kaum noch sichtbar ist. Aktien wären grundsätzlich ein Ausweg aus der Zins-Misere. Doch die Börsen beziehungsweise das, was "Marktteilnehmer" genannt wird, stellen sich selbst ein Bein.

Ein Beispiel: Die Voestalpine als Flaggschiff der heimischen Industrie notiert derzeit zirka zehn Prozent niedriger als zu Jahresbeginn, obwohl das Unternehmen gute Gewinne einfährt. Doch die Analysten, die Kauf- oder Verkaufsempfehlungen geben, führen die Voestalpine als Stahlunternehmen. Und Stahl in Europa ist pfui. Dass das Unternehmen nur noch ein Drittel seines Umsatzes mit dem klassischen Stahlgeschäft macht, ist den Analyseabteilungen der Banken völlig egal. Denn die sind organisiert wie die Welt in den 1990er Jahren.

Gleichzeitig haben diese Banken allerlei spekulativen Firlefanz rund um Aktienkurse entwickelt. Das führt dazu, dass Kurse entweder stärker abstürzen, als es adäquat wäre, oder auch ohne erkennbaren Grund in die Höhe schießen. Das reduziert das Vertrauen in Aktien beträchtlich.

Dass die dazugehörigen Investmentfonds manchmal eine recht eigenwillige Veranlagungspolitik in Kundendepots veranstalten, sorgt für weiteren Vertrauensverlust.

Und der Vertrauensverlust manifestiert sich schließlich irgendwann bei den Aktienwerten. Ein Jammer, denn grundsätzlich ist die Börse ein idealer Marktplatz, um Unternehmen, die über gute Ideen verfügen, mit Kapital zu versorgen. Die neuerdings wirtschaftspolitisch wieder interessierte Regierung sollte daher der Wiener Börse einen Tritt verpassen, um mit Reformen Vertrauen zurückzugewinnen. Auch Börsen brauchen eine glaubhafte Story, nicht nur die dort auftretenden Unternehmen.

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