Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 8. Oktober 2014. Von CHRISTIAN Jentsch. "Mit Kobane stirbt die Glaubwürdigkeit".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Eine internationale Militärallianz rief in großen Tönen zum Kampf gegen die IS-Terrormiliz auf. Doch der Fall

von Kobane manifestiert das zynische Doppelspiel im Umgang mit den Jihadisten. Syriens Kurden zahlen den Preis.

Es geschieht direkt vor unseren Augen. Direkt an der türkischen Grenze wird die Welt Zeuge eines Dramas, wird die Welt Zeuge, wie die Kurdenstadt Kobane von hochgerüsteten Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Schritt für Schritt überrannt wird. Die kurdischen Volksschutzeinheiten, welche die Stadt verteidigen, leisten erbitterten Widerstand. Doch sie stehen auf verlorenem Posten.
In Schlagweite der internationalen TV-Kameras und der an die Grenze beorderten türkischen Panzer hissen die Jihadisten des IS in der überrannten Stadt bereits ihre schwarze Flagge. Kurdische Frauen in Kobane begehen Selbstmord, um nicht in die Hände der brutalen Jihadisten zu fallen. Doch obwohl die internationale Allianz mit großem Getöse zum Kampf gegen die Terrormiliz aufgerufen hat, fällt die Hilfe für die bedrängten Kurden erschreckend dürftig aus. Die syrischen Kurden sind offenbar das Bauernopfer im politischen Schachspiel um Macht und Einfluss in der Region.
Besonders Ankara betreibt ein Spiel mit doppeltem Boden. Die Regierung ließ sich zwar vom Parlament grünes Licht für den Einsatz türkischer Truppen in Syrien und im Irak geben. Die hinter den USA zweitgrößte Armee der NATO zeigte bisher freilich keine Anstalten, zugunsten der Kurden einzugreifen. Schließlich sind die eng mit der (nicht nur von der Türkei als Terrororganisation eingestuften) PKK verbündeten syrisch-kurdischen Volksschutzeinheiten Ankara schon lange ein Dorn im Auge. Ein autonomes Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei als Keimzelle für ein unabhängiges Kurdistan erscheint einigen Strategen offenbar erschreckender als ein Arrangement mit der Terrormiliz. Die Türkei ist offenbar nur dann gewillt einzugreifen, wenn sie ihre Agenda in Syrien durchsetzen kann. Dazu gehört der (begrüßenswerte) Sturz von Präsident Assad ebenso wie die Kontrolle über die Kurdengebiete.
Doch wer sich mit dem Teufel ins Bett legt, riskiert, einen hohen Preis zu zahlen. Die Extremisten des IS sind kein berechenbarer Faktor und ein neuer Aufstand der Kurden in der Türkei droht das Land zu zerreißen. Und nicht nur die Türkei, auch der Westen schaut dem Vormarsch des IS in Syrien wie gelähmt zu. Man verbreitet lieber ständig neue Terrordrohungen, als den Extremisten wirklich die Stirn zu bieten. Wenn Kobane fällt, stirbt auch die Glaubwürdigkeit der Anti-Terror-Allianz.

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