Presserat: Privates Bild eines Unfallopfers darf nicht ohne Einwilligung veröffentlicht werden

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats hat sich in seiner letzten Sitzung mit dem Artikel "Österreich-Fahne gehisst: Patriot stürzte ab - tot" befasst, erschienen am 02.02.2014 in der Tageszeitung "Österreich", und Verstöße gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse festgestellt.
In dem Artikel wird darüber berichtet, dass ein 32-jähriger Mann in Wien-Floridsdorf aus dem Fenster gestürzt und tödlich verunglückt sei. Neben dem Artikel wird ein Porträtbild des Verunglückten gezeigt.

Die Mutter des Verstorbenen hat sich an den Presserat gewandt und kritisiert, dass ohne ihre Zustimmung das "Facebook"-Profilfoto ihres Sohnes für die Bebilderung des Artikels verwendet worden sei.

Die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" hat von der Möglichkeit, eine Stellungnahme abzugeben und an der mündlichen Verhandlung vor dem Senat teilzunehmen, nicht Gebrauch gemacht.

Zunächst weist der Senat in seiner Entscheidung darauf hin, dass die Persönlichkeitssphäre eines Unfallopfers über dessen Tod hinaus zu respektieren ist.
Der Tod eines Menschen zählt zum Bereich des Privatlebens. Im vorliegenden Fall wurde nach Meinung des Senats ein privates Bild des Verstorbenen offenbar von dessen Facebook-Seite kopiert und für den Artikel verwendet, ohne dafür die Mutter um Erlaubnis zu fragen.

Der Senat sieht darin Verstöße gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex. Darüber hinaus wurde nicht nur die Persönlichkeitssphäre des Verstorbenen verletzt, sondern auch die Trauerarbeit der Mutter erschwert.

Der Senat betont, dass ein privates Bild eines verunglückten Menschen, der in der Öffentlichkeit niemals in Erscheinung getreten ist, nicht ohne Einwilligung seiner nahen Angehörigen für die Bebilderung eines Zeitungsberichts benützt werden darf. Für die medienethische Bewertung ist es von wesentlicher Bedeutung, dass der Verunfallte nicht in der Öffentlichkeit bekannt war und die Berichterstattung über den Unfalltod auch ohne die Bildveröffentlichung möglich gewesen wäre.

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 2 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" keinen Gebrauch gemacht.
Bisher hat sich die Medieninhaberin der Tageszeitung "Österreich" der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats nicht unterworfen.

Die Entscheidung im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

Rückfragen & Kontakt:

Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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