Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 28. September 2014. Von LIANE PIRCHER. "Normalzustand der vielen Toten".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Berühren uns Bilder von Flüchtlingstragödien im Mittelmeer eigentlich noch oder prallen sie längst an uns allen ab?

Das Ertrinken Tausender im Mittelmeer ist längst zum erschreckenden Normalzustand der Nachrichten geworden. Die Debatten rund um die neue Suche nach Asylquartieren in Österreich auch. Auf dem Rücken in Not befindlicher Menschen wird vorhandene Empathie für Flüchtlinge hierzulande vom Bund fast fahrlässig verspielt (siehe Beispiel Thiersee/Landl). Was regional falschläuft, ist global schon längst in Schieflage.
Italien ist mit seiner Rettung Tausender Schiffbrüchiger am Kollabieren. Alle anderen europäischen Länder schmieren sich am geltenden Dublin-Abkommen ab: Es führt dazu, dass ein Asylwerber oft Jahre in dem Land bleiben muss, wo er den Boden der EU betreten hat. Wer ist Flüchtling, wer "nur" Migrant aus Armut? Wer fällt in den Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention? Fakt ist: Werden Menschen am Brenner aufgegriffen, ist leicht feststellbar, wo sie erstmals europäischen Boden betreten haben (heißt: Italien ist zuständig). Ein Grund, warum viele keinen Asylantrag stellen. Sie wissen, dass sie so oder so - mit Antrag oft einfach nur zeitverzögert wegen des eingeleiteten Verfahrens - zurück nach Italien müssen. Dort wartet ein Leben im Untergrund. Und damit ist die Chance auf eine Zukunft im Norden dahin. Deshalb versuchen es fast alle mehrmals. Gleichzeitig zeigt sich, dass Europa mit "verschärften Grenzkontrollen und Maßnahmen zur Kriminalisierung illegaler Migranten" die Flüchtlingsströme nicht aufhalten kann. Es macht Schmuggler-Netzwerke nur teurer, schlauer und brutaler. Egal, was wir tun. Neue Flüchtlinge werden kommen. Weil viele aus ihren kaputten Ländern wegwollen, Hauptsache weg. Europa wird früher oder später klar hinschauen müssen, weil es Teil dieser Erdkugel ist. Ob es uns passt oder nicht.

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