TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Das große Lohn-Feilschen", von Alois Vahrner

Ausgabe vom 23. September 2014

Innsbruck (OTS) - Am Donnerstag steigen die österreichischen Metaller wieder in den Verhandlungsring um höhere Löhne. Abseits des üblichen Säbelrasselns von Unternehmern und Gewerkschaftern zeichnet sich ein besonders heißer Lohnherbst ab.

Die Hinweise beider Verhandlungsseiten im Vorfeld kommen jährlich so sicher wie am 1. Jänner Neujahr. Die Gewerkschafter weisen gebetsmühlenartig darauf hin, dass es den Unternehmen gut gehen müsse, wenn sie jährlich Milliarden an ihre Eigentümer bzw. Aktionäre ausschütten können. Und am Betriebserfolg stehe den Mitarbeitern ein entsprechend großer Anteil zu. Die Arbeitnehmer-Vertreter wiederum beklagen (auch in guten Jahren) die jeweils schwierige Wettbewerbs-und Konjunktursituation und warnen vor überzogenen Lohnforderungen. So weit, so bekannt: Diesmal haben die Arbeitgeber in ihren Warnungen allerdings mehr als nur einen Zahn zugelegt. "Uns geht es schlecht", sagt der Obmann des größten Metaller-Verbandes Maschinen-und Metallwarenindustrie (FMMI), Christian Knill. Und werde zu hoch abgeschlossen, beschwörte Knill gar ein drohendes "Ende des Produktionsstandortes" Österreich herauf.
Solche Zuspitzungen passen an und für sich gar nicht in das Bild der konfliktscheuen österreichischen Sozialpartnerschaft. Aber vom früheren Kuschelkurs ist gerade bei den Metallern in den letzten Jahren ohnedies einiges ins Bröckeln geraten. Etwa, als die Arbeitgeber die früheren Metaller-Gesamtverhandlungen platzen ließen und heuer bereits zum dritten Mal mit jedem der sechs Fachverbände einzeln verhandeln. Dass dabei in den letzten beiden Jahren trotzdem praktisch idente Abschlüsse herauskamen, ist ein anderes Kapitel. Ebenso, dass die Flexibilisierung von Arbeitszeiten nicht einmal vor einer Einigung steht.
Dass das Klima zwischen den Verhandlern nicht immer friktionslos ist, zeigte sich auch in den letzten Jahren: Im Vorjahr ging es über fünf Runden inklusive Betriebsversammlungen und Streikdrohung. Vor drei Jahren gab es tatsächlich tagelange Warnstreiks, auch gegen Paradebetriebe wie Plansee, die ihren Mitarbeitern neben den "normalen" Lohnerhöhungen auch ansehnliche Erfolgsprämien auszahlen. Fest steht, dass das Konjunkturumfeld derzeit sehr schwach ist, Europa eine Deflation droht und Krisen wie jene in der Ukraine neues Gift für die Wirtschaft bedeuten könnten. Fest steht aber auch, dass es in Österreich mit 1,8 Prozent die höchste Teuerungsrate in der EU gibt. Und dass die reale Kaufkraft trotz ansehnlicher Lohnabschlüsse zuletzt stets gesunken ist. Dass die Österreicherinnen und Österreicher netto tatsächlich mehr Kaufkraft in ihren Börseln haben, dafür kann keine Lohnrunde allein, sondern nur in Kombination mit einer Steuerreform sorgen.

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