Maschinen- und Metallwarenindustrie: Produktionsstandort Österreich in Gefahr

Branche mit Minus bei Produktion und Auftragseingängen - Maschinenbauer fordern Schulterschluss von Sozialpartnern und Regierung

Wien (OTS/PWK612) - Für die Maschinen- und Metallwarenindustrie (MMI) war 2014 bisher kein gutes Jahr. Die Krise ist endgültig in der Branche angekommen, mit roten Zahlen bei Produktion, Auftragseingängen und Exporten. Erstmals wird nun auch deutlich, wovor die Branchenvertretung der MMI seit langem warnt: Der traditionell hohe Beschäftigungsstand geht unter diesen Bedingungen und angesichts ständig steigender Arbeitskosten erstmals seit Jahren zurück. Der Fachverband, der die Gewerkschaft diese Woche zu einem Wirtschaftsgespräch als Auftakt der heurigen KV-Runde trifft, fordert deshalb eine gemeinsame Kraftanstrengung von Sozialpartnern und Regierung.

Schon in den letzten Jahren berichteten viele Unternehmen der MMI von einer schlechten Auftragslage und rückläufigen Auftragseingängen. Die Analyse der aktuellen Zahlen bringt Gewissheit: Die Krise hat auch die österreichische MMI - über Jahrzehnte Schlüsselindustrie und verlässlicher Jobmotor am Standort Österreich - endgültig erreicht. Laut der eben veröffentlichten Sonderauswertung Industrie zu den Konjunkturdaten der Statistik Austria für die ersten fünf Monate 2014 gab es sowohl bei der abgesetzten Produktion als auch bei den Auftragseingängen ein Minus von je 2,1 %. Inflationsbereinigt heißt das -3,71 % bzw. -3,70 %. Auch die Exporte sind rückläufig. Die nominellen -0,4 % bedeuten unter Einbeziehung der Inflationsrate einen realen Rückgang von -2,0 %.

Abwärtstrend hält an
Auch die WIFO-Konjunkturprognose macht wenig Hoffnung auf eine Trendwende. Das ist bei weitem nicht nur auf das Ende des "Sotschi-Effekts" zurückzuführen. Auch der Russland-Ukraine-Konflikt hat noch nicht voll durchgeschlagen, dieser Schock steht den Betrieben erst bevor. "Wir haben ein strukturelles Problem. De facto rutscht Europa gerade in eine Rezession, auch Deutschland meldet für das erste Halbjahr -1 % an Auslandsaufträgen und -3,1 % Exporte", nennt FMMI-Obmann Christian Knill eine Ursache der Abwärtsentwicklung. "Unsere Branche ist zu fast 90 % vom Export abhängig, wir produzieren für Märkte in Europa und zunehmend auf anderen Kontinenten. Sind diese in der Krise, schlägt das voll auf uns durch. Außerdem produzieren wir im internationalen Vergleich mittlerweile schlicht zu teuer."

Jobmotor MMI stottert
Lange war die österreichische MMI ein verlässlicher Jobmotor und baute ihren Mitarbeiterstand sogar noch im Vorjahr aus, während rundum abgebaut wurde. Heuer geht sich das Jobwunder erstmals nicht mehr aus. Die Beschäftigung ist auch in der MMI um -1,7 % gesunken und liegt wieder unter 120.000. Für den FMMI-Obmann angesichts der stetig wachsenden Arbeitslosigkeit in Österreich ein echtes Alarmzeichen. Die Entwicklung führt er auf eine Reihe von Schwächen des Produktionsstandorts Österreich zurück, die nur mit einer gemeinsamen Anstrengung der Sozialpartner und der Regierung behoben werden können. Der Anstieg der Arbeitskosten - seit 2008 um über 12 % - sei jedenfalls eine der größten Baustellen. "Unsere Betriebe wollen ja mehr Leute beschäftigen, uns geht es nicht darum, Menschen einzusparen. Im Gegenteil: Nur mit guten und motivierten Leuten können wir in unserer Branche unseren Know-how-Vorsprung wieder ausbauen und immer neue Nischen erobern. Offenbar hat der Abwärtstrend in der Konjunktur jetzt schon zu lange angehalten, den Unternehmen geht die Luft aus."

Die dringendsten Probleme aus Sicht der Maschinenbauer
- "Die österreichischen Industriebetriebe kämpfen im internationalen Vergleich mit sehr hohen Kosten, und die Tendenz ist weiter steigend", erklärt Stefan Ehrlich-Adám, CEO bei EVVA Sicherheitssysteme mit Sitz in Wien. Der Vergleich mit anderen EVVA-Niederlassungen in Europa zeige, dass Österreich aufgrund des überbordenden Bürokratieaufwands, hoher Betriebskosten und Abgaben sowie den hohen Lohnkosten ständig an Wettbewerbsfähigkeit verliere. - Mit den am schnellsten wachsenden Arbeitskosten im Euroraum und unverhältnismäßig hohen Lohnstückkosten im Vergleich zu jenen der Mitbewerber können österreichische Betriebe oft nicht mehr mithalten. Mit jeder Lohn- oder Gehaltserhöhung steigen auch die Lohnnebenkosten für die Unternehmen. "Unsere Branche hat eine sehr hohe Lohntangente, das heißt, es trifft unsere Betriebe mehr als andere. Gleichzeitig sinken auch die Preise für unsere Produkte. Die Unternehmen zahlen also mehr, verdienen aber weniger", so Knill. Das in Kombination mit Auftragsrückgängen und wachsendem Akquiseaufwand gehe den Betrieben an die Substanz.
- Wolfgang Knöller, Geschäftsführer des Automobilzulieferers STS Formtechnik in Voitsberg, warnt insbesondere davor, dass der Produktionsstandort Österreich im Vergleich zu Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verliert. "Bis vor einigen Jahren war Österreich weit besser aufgestellt, heute ist die Produktion hier sogar teurer als in Deutschland. Für uns als KMU, das bisher stark nach Deutschland exportiert hat, heißt das, dass wir uns extrem schwer tun, die Arbeitsplätze in unserem Betrieb zu sichern."
- Auf der Baustelle Flexibilisierung konnte der FMMI mit den Gewerkschaften noch keine Lösung für die zunehmenden Auftragsschwankungen und schrumpfenden Bearbeitungszeiten für Aufträge ausverhandeln. Dazu FMMI-Obmann Knill: "Unsere Branche kämpft immer stärker damit. Die KV-Regelungen ignorieren den Bedarf aber nach wie vor, wir brauchen endlich Lösungen."
- Hinzu kommt, dass die internationalen Mitbewerber auch in Sachen Qualität und Know-how aufholen und zunehmend über gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen. Österreich muss also dringend agieren, will es als Produktionsstandort weiter eine Rolle spielen. "Unsere Branche investiert massiv in die Aus- und Weiterbildung ihrer Beschäftigten. Leider lässt die Qualität der schulischen und universitären Ausbildung in Österreich merklich nach. Diese Aufgabe übernehmen die Unternehmen auch bereits, weil wir sonst zu wenig gutes Personal in Österreich finden", so Stefan Ehrlich-Adám.

Schulterschluss von Sozialpartnern und Regierung
Während die politische Diskussion um die längst überfällige Steuerreform in die Herbstrunde geht, steht der FMMI unmittelbar vor dem Start seiner heurigen KV-Verhandlungen. Anlass für Christian Knill, sowohl die Regierung als auch die Gewerkschaften zu einem Schulterschluss für den Standort Österreich aufzufordern. Die vordringlichsten Themen dabei: Die Regierung müsse Reformen schaffen, die die Betriebe entlasten und die Lohnnebenkosten senken, sowie in Bildung investieren. Die Gewerkschaften fordert er auf, über den Tellerrand zu schauen und die Rahmenbedingungen einer exportabhängigen Industrie intelligent mitzugestalten - mit moderaten Abschlüssen und Durchstarten in Richtung Arbeitszeitflexibilisierung nach den KV-Verhandlungen. "Wer sich selbst und anderen jetzt noch in die Tasche lügt, richtet am Standort Österreich Schaden an, den wir vielleicht nie mehr gut machen können", warnt Knill und macht klar:
"Überzogene KV-Forderungen würden noch mehr Arbeitsplätze aufs Spiel setzen."

Hintergrund
Der Fachverband der Maschinen- und Metallwarenindustrie ist die gesamtösterreichische Vertretung aller Unternehmen aus den Industriezweigen Maschinenbau, Anlagenbau, Stahlbau und Metallwaren, die im Jahr 2013 gemeinsam einen Produktionswert von 34,5 Milliarden Euro erwirtschafteten. Die mittelständisch strukturierte Branche stellt mit rund 1.200 Unternehmen und knapp unter 120.000 Beschäftigten das Rückgrat der industriellen Beschäftigung in Österreich dar. Oberstes Ziel des Fachverbandes ist die Mitwirkung an der Gestaltung von maßgeblichen rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, um den erfolgreichen Fortbestand der Unternehmen der Maschinen- und Metallwarenbranche im internationalen Wettbewerb und Arbeitsplätze zu sichern. (KR)

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Dr. Berndt-Thomas Krafft
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