Presserat: Falter verstößt gegen Pflicht zur Einholung einer Stellungnahme eines Beschuldigten

Wien (OTS) - Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit dem Artikel "Lindners Freunderlwirtschaft", erschienen in der Wochenzeitung "Falter" vom 29.10.2014, und stellte einen Verstoß gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse fest.

Der Artikel handelt von der mittlerweile zurückgetretenen Nationalratsabgeordneten Dr. Monika Lindner, ihrer Tätigkeit für die St.-Anna-Kinderkrebsforschung und dabei aufgetretenen behaupteten Unregelmäßigkeiten. In dem Artikel wird insbesondere kritisiert, dass der Lebensgefährte Lindners, ein Werbefachmann, Aufträge von der Kinderkrebsforschung erhalten habe.

Monika Lindner hat sich an den Presserat gewandt und einen Absatz aus diesem Artikel beanstandet, der allerdings nicht sie persönlich, sondern eine andere Person (ihren Stiefsohn) betrifft.

Die Medieninhaberin des "Falter" hat trotz Einladung von der Möglichkeit einer Stellungnahme und einer Teilnahme an der mündlichen Verhandlung vor dem Senat nicht Gebrauch gemacht.

In der beanstandeten Passage wird behauptet, dass der Lebensgefährte Lindners seinen Sohn (Anmerkung: richtig müsste es heißen "den Stiefsohn Lindners") als Kameramann für Werbespots für das St.-Anna-Kinderspital engagiert habe und der Sohn dafür "unverschämte" 3200 Euro in Rechnung gestellt haben soll, während die Filmproduktionsfirma kostenlos gearbeitet habe. Ein ORF-Kameramann hätte für eine vergleichbare Leistung 500 Euro bekommen. In der Passage wird auch darauf hingewiesen, dass der Lebensgefährte Lindners die Intervention bestreite.

Der Senat sieht in der falschen Bezeichnung des Stiefsohns Lindners zwar einen inhaltlicher Fehler, aber keinen Verstoß gegen den Ehrenkodex. Die einschlägigen Kreise wussten trotz des Fehlers, wer tatsächlich gemeint war.

Ztl.: Pflicht zur Einholung einer Stellungnahme

Problematisch ist es jedoch, dass der Stiefsohn von Lindner mit dem im Artikel erhobenen Vorwurf, "'unverschämte' 3200 Euro in Rechnung gestellt [zu haben], während die Filmproduktionsfirma kostenlos arbeitete", nicht konfrontiert und ihm keine Möglichkeit zur Abgabe einer Stellungnahme eingeräumt wurde.
Der (durchaus schwerwiegende) Vorwurf richtet sich nicht nur gegen Lindner und ihren Lebensgefährten, die beide vom Autor kontaktiert wurden, sondern vor allem gegen den Stiefsohn: Er soll ein überhöhtes Honorar verlangt haben. Nach Meinung des Senats wäre es aus medienethischer Sicht notwendig gewesen, in erster Linie dem unmittelbar betroffenen Stiefsohn die Möglichkeit einzuräumen, Stellung zu nehmen.
Es liegt sowohl im Interesse der Medien als auch der Allgemeinheit, dass Journalistinnen und Journalisten Missstände möglichst rasch aufdecken. Beschuldigungen dürfen dabei jedoch nur dann erhoben werden, wenn nachweislich versucht worden ist, eine Stellungnahme der beschuldigten Person einzuholen (siehe Punkt 2.3 des Ehrenkodex). Diesem ethischen Prinzip wurde hier nicht entsprochen.

Zu kurze Frist für Stellungnahme

Zudem vertritt der Senat die Ansicht, dass die Frist für die Beantwortung der Frage, ob an den Stiefsohn von Lindner etwas gezahlt worden sei, äußerst kurz bemessen gewesen ist. Diese Frage stellte der Autor Lindner erst etwa eine halbe Stunde nach dem von ihm selbst bekanntgegebenen Redaktionsschluss (12:00 Uhr am Tag vor Erscheinen der betreffenden Ausgabe). Lindner und ihr Lebensgefährte hatten somit nur wenige Stunden Zeit für eine Stellungnahme.
Laut Lindner habe der Lebensgefährte dem Autor angeboten, bis zum darauffolgenden Tag eine Abrechnungsaufstellung über die Werbespots zu übermitteln. Vor Einleitung des Verfahrens hat der Autor des Artikels gegenüber dem Presserat angegeben, sich an so ein Angebot nicht erinnern zu können.

In manchen Fällen kann aus Gründen der Aktualität nicht allzu lange auf eine Äußerung/Stellungnahme gewartet werden. Auf der anderen Seite kann von einer betroffenen Person aber auch nicht erwartet werden, dass sie stets binnen kürzester Zeit - wie hier innerhalb weniger Stunden - erreichbar und sofort in der Lage ist, zu einer Abrechnung, die mehrere Jahre zurückliegt, Stellung zu nehmen.

Schließlich weist der Senat darauf hin, dass der Artikel auch ohne den Teil über den Stiefsohn Lindners hätte veröffentlicht werden können.

Selbst dann, wenn man davon ausgeht, dass es ausreichend gewesen wäre, nur Lindner und ihren Lebensgefährten für eine Stellungnahme zu kontaktieren, wäre die ihnen dafür eingeräumte Frist nach Meinung des Senats unangemessen kurz gewesen.

Die Entscheidung im Langtext finden Sie auf der Homepage des Presserates (www.presserat.at).

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND EINER MITTEILUNG EINER LESERIN

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der beiden Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall hat der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durchgeführt (selbständiges Verfahren aufgrund von Mitteilungen). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob ein Artikel den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, hat die Medieninhaberin der Wochenzeitung "Falter" nicht Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der Wochenzeitung "Falter" hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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