Heimische Erdäpfelbranche fordert Planungssicherheit für die Zukunft

Experten diskutieren Drahtwurm-Problematik und internationale Marktsituation

St. Pölten (OTS) - Rund 70 Funktionäre, Händler, Verarbeiter sowie Vertreter von AMA, Ministerium, Pflanzgutwirtschaft und AGES diskutierten gestern beim 1. Erdäpfel-Erntegespräch in Hollabrunn (NÖ) aktuelle Herausforderungen der Branche. Für die Produzenten war neben der Marktsituation, den Ertrags- und Qualitätsaussichten sowie der Vermarktung der heimischen Ernte vor allem der Umgang mit dem Drahtwurm das zentrale Thema.

Schädling gefährdet heimische Erdäpfelproduktion

Seit dem Frühjahr 2014 herrscht innerhalb der Erdäpfelbranche eine große Unsicherheit. Der Grund: Trotz langwieriger Diskussionen kam es - im Unterschied zu den vergangenen Jahren und anders als in Deutschland - zu keiner Notfallzulassung eines Pflanzenschutzmittels gegen den Drahtwurm, der ein gefährlicher Schädling ist. Die damals geäußerten Befürchtungen scheinen sich nun leider zu bewahrheiten. Schon während der Frühkartoffelsaison mussten in einigen Regionen Partien entsorgt werden, die seitens der Händler mangels Marktfähigkeit abgelehnt wurden.

Der Drahtwurm stellt zwar keine Gefahr für die Konsumenten dar, Erdäpfel mit Bohrlöchern sind aber nicht verkehrsfähig und müssen daher aussortiert werden. Bei hohem Schädlingsbefall ist dies technisch und wirtschaftlich nicht mehr durchführbar, daher kann es dazu kommen, dass ganze Erdäpfelpartien entsorgt werden müssen. Den Bauern entsteht ein großer Schaden in Form von entgangenen Verkaufserlösen und unnötig verursachten Betriebsmittelkosten.

Rasche Entscheidung für Anbau 2015 notwendig

"Derzeit befinden sich die Produzenten, was die Drahtwurmbekämpfung betrifft, im luftleeren Raum. Neben der raschen Veröffentlichung der zugesagten Sonderrichtlinie zur Abfederung von Einkommensverlusten aufgrund der Drahtwurmschäden für das heurige Jahr fordern wir Klarheit bezüglich des Anbaus 2015", betonte der Gänserndorfer Kammerobmann Manfred Zörnpfenning - er ist Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Erdäpfelbau (IGE). "Wir verlangen daher bis spätestens Ende September Entscheidungen, die uns Bauern die Planung des nächsten Anbaujahres ermöglichen. Sollte es keine tauglichen Pflanzenschutzmittel geben, können die Bauern wenigstens überlegen, ob sie dem Risiko ausweichen und andere Feldfrüchte anbauen", so der Obmann.

Der Hollabrunner Landtagsabgeordnete Richard Hogl verwies in diesem Zusammenhang auf mögliche Folgen, die über die Landwirtschaft hinausreichen: "Allen Verantwortlichen muss bewusst sein, dass durch die unklare Situation hinsichtlich der Verwendung von Pflanzenschutzmitteln nicht nur die Eigenversorgung mit heimischen Erdäpfeln, sondern auch Arbeitsplätze in den verarbeitenden Industriebetrieben sowie im vor- und nachgelagerten Handel gefährdet werden."

Erntejahr 2014: Ertragsaussichten sehr unterschiedlich

Das Jahr 2014 war für den heimischen Erdäpfelbau witterungsbedingt bislang günstig. Der frühe Start der Vegetationsperiode ermöglichte ein trockenes Legen, auch Spätfröste blieben heuer meist aus. Nach einer langen Trockenperiode im Frühjahr konnten sich die Bestände bei moderaten Temperaturen und regelmäßigen Niederschlägen zügig entwickeln. Regional - vor allem im Marchfelder Raum sowie vereinzelt im Weinviertel - traten verstärkt Probleme mit dem Drahtwurm auf. Die Ertragsaussichten sind heuer kleinregional sehr unterschiedlich. Insgesamt wird mit einer durchschnittlichen Menge gerechnet. Bei den Stärkeindustriekartoffeln, die primär im Waldviertel angebaut werden, wird derzeit eine überdurchschnittlichen Ernte erwartet.

Vermarktung von vielen Unsicherheiten geprägt

Ungleich schwieriger schätzt man heuer die Vermarktung der Speisekartoffelernte ein. Nach zwei Jahren mit zufriedenstellenden Kartoffelpreisen ist der Anbau in diesem Bereich europaweit ausgedehnt worden. In Österreich blieb die Gesamtfläche mit 21.300 ha und einem Plus von knapp 1% nahezu konstant. In Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien und den Niederlanden nahm die Fläche in Summe um 2,5% auf 800.000 ha zu. Gepaart mit einer überdurchschnittlichen Ertragsschätzung wird für die EU-28 eine große Erdäpfelernte prognostiziert. Die Erzeugerpreise für Frühkartoffeln lagen folglich auch in Österreich auf einem sehr niedrigen Niveau.

Branchenkenner sehen die Lage differenzierter und zum Teil auch optimistischer, weil der österreichische Markt sehr spezielle Qualitätsanforderungen stellt. Aufgrund eines witterungsbedingt oft hohen Anteils an Übergrößen sowie von Flächen mit Qualitätsproblemen sollte die im Inland besonders nachgefragte mittlere Sortierung und die hohe Qualität im Hinblick auf Schale und Kocheigenschaft gute Absatzchancen finden. In diesem Segment dürfte der heimische Markt keinesfalls überversorgt sein und dies lässt auf eine Preiserholung hoffen.

Importstopp Russlands führt zu Problemen

Der von Russland für ein Jahr verhängte Importstopp für Agrargüter aus westlichen Ländern stellt auch für die europäische Erdäpfelbranche ein ernsthaftes Problem dar. Vor allem die Niederlande, Deutschland und Polen werden von dem Embargo besonders beeinträchtigt und müssen andere Absatzkanäle finden beziehungsweise spüren sie zusätzlichen Druck am Binnenmarkt. Die davon betroffenen Qualitäten und Sorten entsprechen aber nicht den österreichischen Konsumgewohnheiten und Kundenwünschen. Russland ist allerdings ein wichtiger Abnehmer für Saatkartoffeln, auch hier könnte es zu Verwerfungen am europäischen Markt kommen.
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