TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 21. August 2014 von Mario Zenhäusern "Das teuerste Loch Europas"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Ohne die von der Europäischen Union verordnete und notfalls erzwungene Verlagerung des Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene ist der Brennerbasistunnel ein Milliarden-Flop. Es liegt an Brüssel, das zu verhindern.

Was hat der Brennerbasistunnel schon alles an Querschüssen ertragen müssen. Kaum ein Bauprojekt in der Geschichte Tirols wurde so oft zu Grabe getragen, als Milliardenloch verteufelt oder als sinnlose Investition abgelehnt. Allerdings stecken auch in keinem Bauprojekt so viele Hoffnungen wie in der direkten Bahnverbindung zwischen Innsbruck und Franzensfeste: Soll doch der 55 Kilometer lange Durchstich die Anrainer entlang der Inntal- und Brennerautobahn endlich vom alpenquerenden Transit und damit von Lärm und Gestank befreien.
Mittlerweile haben sich die gigantischen Bohrzüge bereits kilometerweit ins Brennermassiv gefressen. Es gibt also keinen Zweifel mehr daran, dass der Tunnel gebaut wird. Die Europäische Union finanziert das Projekt zu einem Großteil. Das sollte auch die letzte Skepsis an der Realisierung beseitigt haben.
Eigentlich schien alles klar zu sein. Auch in Deutschland und Italien, die ja von der Verlagerung des Transitverkehrs auf die Schiene ebenso profitieren: 2012 unterschrieben Infrastrukturministerin Doris Bures und ihr damaliger deutscher Amtskollege Peter Ramsauer sogar ein zwischenstaatliches Abkommen. Ähnliche Verträge gibt es mit Italien. Sie sollen garantieren, dass gleichzeitig mit dem Tunnel auch die entsprechende Infrastruktur entsteht: Zulaufstrecken und Verladebahnhöfe, damit der Tunnel nach seiner Fertigstellung das bringen kann, was seine Erbauer versprechen - die Verlagerung des Schwerverkehrs von der Straße auf die Schiene. Eigentlich schien das Projekt also auf Schiene. Wenn jetzt dennoch Hektik entsteht aufgrund der Blockade in Bay ern und des Stillstands in Südtirol, dann überrascht das kaum. Seit Auftauchen der ersten Pläne in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts haben die unterschiedlichsten Gruppierungen (darunter auch österreichische Bundesregierungen) immer wieder versucht, die Realisierung des Megaprojekts zu hintertreiben. Die Gegner werden ihre Angriffe nicht einstellen, nur weil die ersten Millionen bereits im Brennermassiv vergraben wurden.
Hauptverantwortlich für diese Nadelstiche ist die EU selbst, die immer noch die Voraussetzung für den Brennerbasis tunnel schuldig ist: die Verlagerungsgarantie. Ohne die aber ist das ehrgeizigste Verkehrsprojekt der EU tatsächlich nicht mehr als ein Milliarden-Flop. Anders gesagt: Erst wenn die EU ihre Bereitschaft signalisiert, die Laster notfalls auf die Bahn zu zwin gen, wird die Akzeptanz des Basistunnels steigen.

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