TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 20. August 2014 von Gabriele Starck "Zweierlei Ebola"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Der Umgang mit der Ebola-Epidemie hat menschenverachtende Züge angenommen. In Westafrika wird nicht das Virus bekämpft, sondern die Menschen, die es in sich tragen könnten. Und Europa rühmt sich seiner hohen Gesundheitsstandards.

Ebola bedeutet Tod - in Afrika. Ebola erzeugt Unbehagen - überall sonst auf der Welt. Nicht einmal die Angst, dass es einen selber treffen könnte, sondern vielmehr die Widersprüche im Umgang der Industrieländer mit dem Thema sind es, die ein mulmiges Gefühl auslösen.
Glaubt man den Gesundheitsbehörden, lässt sich das Virus mit einfachen Mitteln stoppen. Sogar Sonnenlicht und Seife können dem Killer hiernach den Garaus machen. Dem gegenüber stehen jedoch Hochsicherheits-Isolierstationen für Patienten, Schutzanzüge, die beinahe Weltraumspaziergängen standhalten würden, und 20-minütige Spezialduschen für all jene, die mit Erkrankten in Kontakt gekommen sind. Die europäischen Hygiene- und Versorgungsstandards ließen das Risiko für eine Ausbreitung nördlich von Afrika so auf ein Minimum schrumpfen. Und die betroffenen Länder seien ja ohnehin keine Urlaubsdestinationen, heißt es da. Wie beruhigend sich all das doch anhört.
Doch gerade diese Beteuerungen müssten noch mehr Unbehagen erzeugen -und zwar anderer Natur: das schlechte Gewissen. Und dieses wiederum sollte das soziale aufwecken.
Sierra Leone, Liberia, Guinea und Nigeria sind Staaten, die von Armut und politischen Wirren bis hin zu Bürgerkriegen gekennzeichnet sind. Wirtschaftlich sind diese am Boden, die Menschen ohne Bildung und meist ohne Arbeit. Das ist ein guter Nährboden für Seuchen (nicht nur Ebola übrigens). Sie sind nur das Symp tom für all das, was in diesem Teil der Erde im Argen liegt.
Andererseits wurde die Suche nach Heilmitteln gegen das Virus bislang alles andere als ehrgeizig angegangen. Keine der von Forschern angedachten Therapien hat auch nur annähernd die Phase klinischer Tests erreicht. Denn das Virus trat zu selten auf und vor allem: Es schaffte es nicht, Afrika zu verlassen, um auf reicheren Kontinenten zu wüten. Daher blieb der unternehmerische Anreiz aus, Millionen in die Entwicklung von Impfstoffen oder Heilmitteln zu stecken.
Die Folge ist, dass in Westafrika nun Militär statt Medizin die Seuche eindämmen muss. Nicht die Ursache, also das Virus, wird bekämpft. Es wird gegen die Menschen vorgegangen, die es in sich tragen und damit weiterverbreiten könnten - bis hin zum Schießbefehl an den Grenzen.
Es gibt eben zweierlei Ebola - jenes, das vorübergehend beunruhigt, und jenes, das tötet.

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