TIROLER TAGESZEITUNG: Leitartikel vom 15. August 2014 von Anita Heubacher - Kinderbetreuung, wer braucht sie?

Innsbruck (OTS) - Österreichs Familienpolitik erzielt nicht das gewünschte Resultat. 1,44 Kinder pro Frau sind zu wenig.

Eine Mischung aus neuem Biedermeier, Selbstorganisation und dem sehr spät ausgebauten Angebot macht es schwer zu sagen, wie hoch der Bedarf an Plätzen ist.

Seit Jahren wird in Tirol darüber gestritten, wie hoch der Bedarf an Kinderbetreuungseinrichtungen ist. Flächendeckend, ganzjährig und ganztägig hieß es in einem einstimmigen Landtagsbeschluss. Der Beschluss ist in die Jahre gekommen, umgesetzt ist er noch nicht, auch weil nicht jede Gemeinde Kinderbetreuung anbieten kann, will und muss. Der Druck aus der Bevölkerung ist nicht überall gleich hoch. Österreichs Familienpolitik hat jahrzehntelang Frauen dazu erzogen, möglichst lange zu Hause zu bleiben. Das war zwar zwischendurch
ver pönt, bekommt jetzt aber Rückenwind. Nach einer Generation, die in einer Zeit geboren wurde, als die Frauenpolitik Hochkonjunktur feierte, kommt der Rückzug ins neue Biedermeier. Gut die Hälfte der jungen Frauen gab in einer österreichweiten Befragung an, als Hausfrau und Mutter glücklich zu sein. Die Überbetulichkeit greift um sich, quer durch alle Bildungsschichten. Ein zeitgeistiges Phänomen, das wohl auch dem Verständnis von Work-Life-Balance entgegenspielt. Auf der anderen Seite, wer Bedarf hatte, musste sich selbst organisieren, weil das öffentliche Angebot fehlte.
Zwar wurde nicht zuletzt aufgrund von EU-Vorgaben die Kinderbetreuung ausgebaut, aber sehr spät. Das macht das Angebot bis heute in manchen Fällen zu starr. Wird das Angebot verbessert, wird es besser angenommen. Dazu braucht es einen Schwenk in der Familienpolitik, der zwar von der zuständigen Ministerin angedacht ist, aber in der ÖVP schwer durchsetzbar sein dürfte: eine Verlagerung von der Geldleistung hin zur Sachleistung, also zum Ausbau der Betreuung. Die bisherige Familienpolitik hat wohl auch aus Sicht der ÖVP nicht den gewünschten Erfolg gebracht. 1,44 Kinder pro Frau sind zu wenig.

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