TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Eine neue Dimension von Kriegen", von Beate Troger

Ausgabe vom 8. August 2014

Innsbruck (OTS) - Mit der russischen Reaktion auf die EU-Sanktionen droht ein gefährlicher Wirtschaftskonflikt auszubrechen. Mehr als 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges wird mit Embargos, Importstopps und Währungen gekämpft.

Eine Woche hat es gedauert, bis Russland als Reaktion auf die Sanktionen der Europäischen Union zum Gegenschlag ausgeholt hat. Jetzt will der Kreml eine lange Liste an landwirtschaftlichen Produkten, die aus Europa und den USA stammen, aus seinem Land verbannen.
Damit hat der russisch-europäische Konflikt die nächste Eskalationsstufe erreicht. Mehr als 20 Jahre nach Ende des Kalten Kriegs wird die Kluft zwischen Europa und Russland immer noch größer. Heute wird allerdings nicht mehr mit Bomben und Gewehren gekämpft -stattdessen werden wirtschaftliche Geschütze aufgefahren, die ebenso das Ziel haben, den Gegner zu schwächen, zu verletzen und auszubluten. Mit dem Einfuhrverbot für Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch aus Europa hat Putin eine Angriffstaktik gewählt, die viele Agrarexporteure in der EU sehr schwer trifft. Darüber hinaus wird Europa der bevorstehende Preisverfall am Heimmarkt weh tun. Das großflächige Russland kann sich am Landwirtschaftssektor recht gut selbst versorgen und fördert mit dem Embargo seine eigenen Bauern. Ein Ende des Hochrüstens mit ökonomischen Strafmaßnahmen ist hingegen nicht in Sicht. Schon gestern Mittag kündigte auch Brüssel weitere Schritte an, um Moskau im Konflikt um die Ukraine noch weiter in die Knie zu zwingen. Trotzdem hat Russland in diesem aufflammenden Wirtschaftskrieg den Vorteil, dass das Land klarer mit einer Stimme sprechen kann. Die EU hingegen hat ihre Sanktionen gegen Putin keinesfalls einstimmig entschlossen, sondern sich wie bei einem Kuhhandel auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller 28 Mitgliedsstaaten geeinigt. Jeder einzelne Staatschef versuchte naturgemäß, die Auswirkungen für sein eigenes Land und seine Wirtschaftsbranchen möglichst gering zu halten.
Mit den enormen russischen Rohstoffvorkommen hat Putin außerdem noch ein Ass mit großem Drohpotenzial im Ärmel, das er bislang nicht ausgespielt hat. Doch selbst ein Energieembargo würde der rezessionsgefährdeten Volkswirtschaft Russ-lands stark zusetzen. Egal, welche Seite in der ökonomischen Rüstungsspirale jetzt den nächsten Schritt setzt - jede Maßnahme wird nicht nur den Gegner treffen, sondern auch der eigenen Wirtschaft beträchtlichen Schaden zufügen. Der Kalte Krieg droht so in einem ganz neuen Licht wieder aufzuflackern - mit der realen Gefahr, dass der bevorstehende Winter in Europa im wahrsten Sinne des Wortes sehr kalt werden könnte, sollte Russland tatsächlich am Gashahn drehen.

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