Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "MAD in der digitalen Welt"

Ausgabe vom 7. August 2014

Wien (OTS) - Das Gleichgewicht des Schreckens ist wieder hergestellt:
Nach den USA und China hat nun auch Russland aller Welt vor Augen geführt, dass seine Hacker das Zeug haben, mehr als eine Milliarde Passwörter und sonstige geheime Internetcodes zu knacken.

Im Kalten Krieg führte die Logik des atomaren Gleichgewichts -treffend ausgedrückt im englischen MAD, das nicht nur verrückt, sondern auch für "mutual assured destruction" steht, was wörtlich etwa "wechselseitig zugesicherte Zerstörung" heißt - zu einer erstaunlich friedlichen Pattsituation (allerdings mit etlichen blutigen Stellvertreterkriegen). Bis jetzt deutet allerdings nichts darauf hin, dass die Ausbreitung der Lizenz zum Mega-Daten-Klau eben diesem Einhalt gebieten könnte. Tatsächlich ist genau das Gegenteil offenbar zwingend der Fall: Wer es kann, tut es auch. Und das gilt für staatliche Sicherheitsbehörden ganz genauso wie für gewinnmaximierende Konzerne oder Kriminelle.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt das Internet und die virtuelle Realität, die es zu schaffen vermochte und seitdem ständig weiter vorantreibt, als Anker für alle möglichen Hoffnungen auf eine bessere Welt: Die digitale Revolution werde für Wirtschaftswachstum und neue Jobs sorgen; die Bildung werde revolutioniert werden, indem alle weltweit verfügbaren Informationen zu jeder Zeit und von jedem Ort aus abrufbar werden; und für die Politik rückte der uralte Demokratietraum von "ein Mensch, eine Stimme" endlich in greifbare Nähe - die Kluft in puncto Information und Artikulationsfähigkeit zwischen den alten Machteliten und den Bürgern würde dann ein für alle Mal der Vergangenheit angehören.

All das ist tendenziell auch tatsächlich eingetreten - und noch viel mehr. Denn mittlerweile sind auch die Abgründe dieser schönen neuen Welt nicht mehr zu übersehen: Die neuen Möglichkeiten emanzipieren uns Einzelne mindestens so sehr, wie sie unser Innerstes wieder zum Objekt der Begierde für Staaten, Unternehmen und Gauner machen.

Wie schaffen wir im Zeitalter des Internets eine Welt des Zusammenlebens, die auf Vertrauen und Anstand beruht, fragte schon vor Jahren der US-Internet-Weise Jaron Lanier. Es wäre an der Zeit, dass wir uns mit Antworten auseinandersetzen, statt ständig nur über die Schattenseiten der digitalen Revolution berichten zu müssen.

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