OÖNachrichten-Leitartikel: "Schreibt doch endlich positiver!", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 2. August 2014

Linz (OTS) - Macht doch bitte eine Zeitung, die der guten Nachricht mehr Platz gibt als der Meldung über den Geisterfahrer und das Elend in Gaza. Schreibt positiver!
Diese Bitte kennen Journalisten, seit es sie gibt - und sie ist leicht dahingesagt, weil die Welt eben nicht ausschließlich gut ist und die negative Nachricht einen mächtigen Schlüsselreiz darstellt. Sie relativiert. Wenn mich der Chef drangsaliert, der Partner oder der Fünfer der Kinder im Zeugnis ärgert, so werden diese Irritationen doch gewaltig verkleinert angesichts dessen, was jeden Morgen in der Zeitung zu lesen ist. Was ist das alles schon gegen Gaza, Syrien, die Ostukraine?
Wie gut muss es uns gehen, dass wir die Luft haben, über Binnen-I zu streiten, über Hymnentexte, über Häuserräumungen, über einen sich wegduckenden Kanzler, das Baumschlägern in den Städten, die gerechte oder ungerechte Besteuerung des Wohlstandes, während zugleich im Nahen Osten Tausende sterben, Staaten zum zweiten Mal binnen zweier Jahrzehnte bankrottgehen (Argentinien), eine für einigermaßen stabil gehaltene Welt- und Wirtschaftsordnung erodiert und es in Europa ungemütlicher wird. Nicht zu reden von Syrien, Lampedusa, Ebola, Donezk - Reihe beliebig erweiterbar.
Es kommt einiges zusammen momentan, nicht zu unterschlagen die Tatsache, dass die unausgestandene Finanz- und Staatsschuldenkrise mit immer mehr Geld zugeschüttet werden soll. Auch der Ausgang dieses einmaligen Experimentes ist ungewiss.
Wie viel davon kann ein Mensch überhaupt ertragen - und sei es nur als Zeitung lesender Beobachter, also aus gemütlicher Distanz? Führt nicht der Dauerbeschuss mit solchen Nachrichten zu Apathie und Verweigerung? Kann die Überdosis Gaza bewirken, dass wir es freiwillig ausblenden? Gut möglich.
Für Medien hingegen kann es keine Alternative sein, sich dieser Wirklichkeit zu verweigern. Genauso wenig können wir die Augen verschließen davor, dass das Dreieck aus Wohlstand, Wachstum und Aufstiegsmöglichkeit in den meisten westlichen Gesellschaften zerbrochen scheint? Zeitung machen heißt, alles in seiner Breite abzubilden, also Licht und Schatten, heißt zuspitzen, das Schlechte benennen - und wenn Sie uns deswegen auch Kassandras schimpfen. Eine Flucht vor dieser Wirklichkeit hingegen macht die Welt nicht besser. Und sie steht dem Finden einer Lösung sogar im Wege.

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