TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "1914/2014 - ein Spiegelbild", von Peter Nindler

Ausgabe vom 28. Juli 2014

Innsbruck (OTS) - Die Welt hat sich in den vergangenen 100 Jahren dramatisch verändert. Soziale, politische und gesellschaftliche Veränderungen erfolgen immer rascher. Doch Nationalismus, Rassismus, religiöser Fanatismus und Krieg sind geblieben.

Wer an Europa zweifelt, wer an Europa verzweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen." Der zeitlose Appell des neuen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker beherzigt eine der zentralen Lehren aus den beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Gleichsam muss den überzeugtesten Europa-Kritikern bewusst sein, dass es historisch und politisch keine bessere Antwort auf die zwei in Europa ausgelösten weltweiten Gemetzel mit 75 Millionen Todesopfern gibt als die EU. Auch im 21. Jahrhundert.
Das Friedensprojekt Europa funktioniert, obwohl die europaweite Vertrauenskrise die Kluft zwischen den politischen Eliten und der Bevölkerung ständig wachsen lässt. Deshalb benötigt es 100 Jahren nach dem
1. Weltkrieg neue Antworten auf globale Veränderungsprozesse. Nicht nur in Europa.
Das Gedenken und Erinnern an den "Großen Krieg" von 1914 bis 1918 wirkt wie ein Spiegelbild. 17 Millionen Tote, Kriegstreiberei, die militärische Lösungen von Konflikten und die Unfähigkeit der Staaten und Monarchien, auf soziale, gesellschaftliche und politische Umbrüche zu reagieren, füllen nicht nur die Geschichtsbücher, sondern sind alltägliche Realität. Nationalismus, Rassismus, religiöser Fanatismus und Genozid zeigen weltweit eine exakte Kopie von den Schlachtfeldern und den letzten Tagen der Menschheit vor 100 Jahren. Der Historiker und Weltkriegsforscher Christopher Clark ("Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog") spricht heute davon, dass unsere Welt immer mehr der Welt von 1914 ähnelt und dass dies eine beunruhigende Entwicklung ist. Damit formuliert er gleichzeitig die politische Herausforderung unserer Zeit. Neben den regionalen ethnischen und religiösen Auseinandersetzungen ist die Welt global implodiert: wirtschaftlich, sozial und gesellschaftspolitisch. Das Wirtschafts- und Finanzsystem hat 2008 sein Déjà-vu erlebt und erholt sich seither nur mühsam. Der Terror ist weltumspannend geworden, "Cyber Crime" - von Phishing beim Onlinebanking bis zu Hacker- oder Virenangriffen - stieß mit dem World Wide Web in die eigenen vier Wände vor.
Unlängst stellte Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Bezug zwischen den Entwicklungen in der Ukraine und dem Ersten Weltkrieg her. "Das verstößt gegen die Lehren der Geschichte", sagte sie. Damit drückt Merkel, unabhängig von Jean-Claude Junckers richtiger Europa-These, wohl unbewusst eines unmissverständlich aus:
Geschichte benötigt in jeder Generation lebenslanges Lernen.

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