TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel, Ausgabe vom 26.07.2014, Von Mario Zenhäusern: "Abrüstung der Worte"

Innsbruck (OTS) - Utl: Die Landesregierung muss die Begriffe "Umweltschutz" und "touristische wie wirtschaftliche Entwicklung" unter einen Hut bringen: Am Ende der Diskussion um die Natura-2000-Ausweisung der Isel wird deshalb ein Kompromiss stehen.

Dieser Konflikt war absehbar. Nach mehr als zehnjährigem Ringen um die Frage, ob die Isel nun als Natura-2000-Gebiet ausgewiesen und damit unter Schutz gestellt werden soll oder nicht, steht endlich eine Entscheidung an. Sie ist überfällig, denn die Europäische Union hat Österreich und Tirol diesbezüglich bereits die dunkelgelbe Karte gezeigt. Jetzt ist Schluss mit lustig.
Seit Jahren hat sich die Landesregierung vor der Frage gedrückt, welche Flächen nun tatsächlich unter Schutz gestellt werden. Jahrelang hat sie zugeschaut, wie die Gemeinden Kraftwerke geplant haben, die vielleicht nie realisiert werden. Jahrelang hat sie die regelmäßigen Mahnbriefe aus Brüssel negiert. Und jahrelang hat sie die Bevölkerung in dem Glauben gelassen, dass beides möglich ist -Unterschutzstellung und Nutzung der Wasserkraft.
Begriffe wie Kraftwerk und Natura 2000 passen aber nur schwer zusammen. Und wenn, dann nur mit großen Abstrichen auf beiden Seiten. Deshalb ist die Aufgabe, vor der die Landesregierung jetzt steht, ein harter Brocken: Sie muss einen Kompromiss finden, die Begriffe "Umweltschutz" und "touristische wie wirtschaftliche Entwicklung" unter einen Hut bringen, und das auch noch unter Zeitdruck. Ende August endet die allerletzte Frist der EU.
Die Bürgermeister entlang der Isel haben sich bereits festgelegt:
Natura 2000 ja, aber im Großen und Ganzen nur dort, wo keine Kraftwerke geplant sind. So lautet ihr ziemlich einfacher Vorschlag. Pikanterweise schwingt sich einer zu ihrem Wortführer auf, der sich erst im Vorjahr ins politische Abseits manövriert hatte: Andreas Köll, Bürgermeister von Matrei. Sein Versuch, einen Keil in die schwarz-grüne Regierung zu treiben, indem er die Isel zur Chefsache erklärt, dürfte jedoch zum Scheitern verurteilt sein. Es werde "eine gemeinsame und abgestimmte Regierungsvorlage geben", erklärte LH Platter gestern unaufgeregt.
Die Natura-2000-Ausweisung der Isel ist Feindbild und Chance zugleich. Sie bringt eine ganze Reihe von Einschränkungen für die Grundbesitzer und Gemeinden mit sich, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten, gerade im Tourismus. Das beweisen andere Natura-2000-Regionen. Voraussetzung ist, dass die Menschen bereit sind, sich auf die neuen Bedingungen einzulassen, mit ihnen umgehen lernen. Die Abrüstung der Worte könnte ein Anfang sein. Der Problemlösung sind Begriffe wie "Naturschutzdiktatur" (BM Köll) nämlich genauso abträglich wie die von Umweltschützern immer wieder angeprangerte "Betonierer-Mentalität".

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