TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel:"Namenloses Sterben", von Mario Zenhäusern

Ausgabe vom 23.Juli.2014

Innsbruck (OTS) - Die Flüchtlingstragödie vor der italienischen Küste nimmt kein Ende und niemand tut etwas dagegen. Der Versuch, Europas Grenzen dicht zu machen, ist gescheitert. Es braucht endlich neue Lösungsansätze.

Das Flüchtlingsdrama vor der Küste Italiens nimmt kein Ende, die Opferzahlen steigen dramatisch. Zuletzt schlug der Tod an Bord eines Bootes zu, das - hoffnungslos überladen - von Libyen aus versuchte, die Mittelmeerinsel Lampedusa zu erreichen. 568 Flüchtlinge sollen die Reise überlebt haben, 181 Menschen aus Syrien, Pakistan, Nigeria und Ghana, darunter viele Kinder, kamen während der Überfahrt ums Leben. Diese Tragödie macht betroffen. Auch, weil sie nicht die letzte sein wird: Das namenlose Sterben vor den Toren Europas geht weiter. Und niemand tut etwas dagegen.
Selbst wer die gefährliche Reise übersteht, ist nicht im gelobten Land. Für die meisten geht die Tour des Leidens weiter. Hilfe, echte Hilfe haben die Flüchtlinge nämlich kaum zu erwarten. Nicht in Italien, das mit dem Problem hoffnungslos überfordert ist, und nicht in den anderen europäischen Staaten. Politiker reden zwar oft und gerne von der dringend notwendigen internationalen Solidarität mit den Krisenregionen. Wenns dann aber darum geht, den Worten Taten folgen zu lassen, sind die Boote plötzlich schon voll.
Der anhaltende Strom an Vertriebenen nach den Krisen im Norden Afrikas (Arabischer Frühling), im Nahen Osten (Syrien, Irak, Afghanistan etc.) und anderen Teilen der Welt hat die europäische Flüchtlingspolitik als vollkommen hilflos und inkompetent entlarvt. Der Versuch, die Grenzen so dicht wie möglich zu machen und gleichzeitig die Last der Betreuung jener Menschen, die es trotz aller Widrigkeiten bis hierher geschafft haben, innerhalb der EU aufzuteilen, ist kläglich gescheitert. Allein die Regelung, dass Flüchtlinge dort um Asyl ansuchen müssen, wo sie europäischen Boden betreten, sorgt zum Beispiel für unzumutbare Verhältnisse in Italien, während sie gleichzeitig den Norden und Osten der EU fern von dieser Problematik hält. Zuletzt ist auch die österreichische Praxis, Asylwerber zuerst in den zwei großen Erstaufnahmezentren zu sammeln und dann auf die einzelnen Bundesländer zu verteilen, an der Zahl der Menschen gescheitert, die sich bei uns Hilfe erwarten.
Europa kann nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen. Das befreit die Politik aber nicht davon, nach neuen Lösungsansätzen zu suchen, neue Wege einzuschlagen. Die Tatsache der begrenzten Kapazitäten darf auch keine Ausrede für die fehlende internationale Solidarität sein. Beides - neue Denkansätze und gemeinschaftliches Denken in der Flüchtlingspolitik - ist derzeit nicht einmal in Ansätzen vorhanden.

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