TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 19. Juli 2014 von Floo Weißmann "Die Ukraine am Wendepunkt"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Der mutmaßliche Abschuss einer Passagiermaschine bedeutet eine Internationalisierung des Konflikts. Russland und der Westen müssen jetzt ihre jeweiligen Schützlinge in der Ukraine zurückpfeifen.

Schon bisher hatte der Konflikt in der Ukraine eine internationale Dimension, aber sie war außerhalb der Region noch nicht unmittelbar spürbar. Mit dem mutmaßlichen Abschuss einer Passagiermaschine hat sich dies plötzlich geändert. Fast 300 tote Zivilisten aus fast einem Dutzend Ländern klagen an. Politiker, Medien und Bürger fern der Ukraine schauen jetzt noch genauer hin und mischen sich ein. Darin liegt einerseits die Gefahr einer internationalen Eskalation des Konflikts, andererseits aber auch die Chance, die Konfliktparteien mit vereinten Kräften zur Vernunft zu bringen. In jedem Fall steht die Ukraine vor einem Wendepunkt.
Es wird wohl noch lange brauchen, bis die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung des Absturzes vorliegen, sofern die Hintergründe überhaupt jemals zweifelsfrei geklärt werden können. So unerlässlich diese Untersuchung ist, um den Opfern Respekt zu erweisen und Gerechtigkeit zu üben, so wenig kann und darf das internationale Konfliktmanagement darauf warten. Es genügt, dass offenbar eine Passagiermaschine mit einem komplexen Waffensystem vom Himmel geholt wurde, um zu erkennen, welche Dimension die militärischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine angenommen haben. Tausendschaften von Soldaten und Separatisten kämpfen mit schweren Waffen - teilweise mitten in Wohngebieten.
Letztlich gibt es auch in diesem Konflikt nur eine politische Lösung auf der Grundlage von Zugeständnissen beider Seiten. Dafür braucht es zwei Voraussetzungen: Erstens muss Russland seine Unterstützung der Separatisten zurückfahren. Die Chancen dafür sind nach dem Abschuss der Passagiermaschine wahrscheinlich gestiegen, weil die politischen und wirtschaftlichen Kosten des Konflikts für Russland weiter zu steigen drohen.
Zweitens muss der Westen die Hardliner in Kiew zurückpfeifen. Die ukrainische Führung muss die fatale Illusion eines militärischen Sieges aufgeben und endlich die versprochenen Reformen umsetzen. Je länger Gewalt und Not im Osten des Landes andauern und je länger die russischsprachigen Ukrainer sich von Kiew nicht vertreten fühlen, desto schwieriger wird es, beide Landesteile zu versöhnen.
Noch lässt sich nicht abschätzen, welche Wende der Ukraine-Konflikt jetzt nimmt. Aber der internationale Gleichklang in den Forderungen nach einer Waffenruhe, einer unabhängigen Untersuchung und Verhandlungen wahrt zumindest die Chance, dass es gelingt, eine weitere Eskalation zu verhindern.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001