TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Sollen doch die anderen", von Peter Nindler

Ausgabe vom 14. Juli 2014

Innsbruck (OTS) - In der Flüchtlingspolitik versagt Europa kläglich. Italien wird seit Monaten im Stich gelassen und in Tirol darüber dis-kutiert, ob in einem Ort 50 oder 30 Asylwerber aufgenommen werden. Und das, obwohl 2,9 Mio. Syrer auf der Flucht sind.

Wie kleinlich doch Europa und Österreich ticken. 2,9 Millionen Menschen sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs aus Syrien geflüchtet, 1,1 Millionen Flüchtlinge hat der Libanon bisher aufgenommen. Das vergleichsweise kleine Land hält damit Europa den humanitären Spiegel vor. Österreich will 1500 syrische Flüchtlinge aufnehmen, dass es Tausende mehr sein könnten, versteht sich wohl von selbst. Oder doch nicht?
Weil Europa in der Flüchtlings- und Migrationspolitik in den vergangenen Jahren völlig versagt hat, haben sich auch die EU-Mitgliedsstaaten von ihrer Verpflichtung, ein bisschen vom Wohlstand mit den Ärmsten der Armen zu teilen, verabschiedet. Die Probleme lassen sich aber nicht verdrängen - sie sind tagtäglich sichtbar. Mangels Visionen und europäischer Strategien entsteht jedoch ein politisches Vakuum, das seit jeher Populisten füllen, indem sie hinter jedem Asylwerber und Flüchtling einen potenziellen Kriminellen vermuten. Dass es unter Heimatvertriebenen und Migranten ebenfalls Gewalt und Kriminalität gibt, lässt sich ebenso wenig leugnen wie die Schicksalsgeschichten der von oft durch Krieg, Gewalt und Unterdrückung schwer traumatisierten Menschen. Um zu überleben, müssen sie ihre Heimat verlassen und geben damit auch einen Teil ihrer Identität auf. Das tut niemand freiwillig.
Aber geht es darum, Unterkünfte für Flüchtlinge und Asylwerber zu errichten, stößt die Politik in unseren Breiten nach wie vor auf Vorurteile. In fast jeder Gemeinde schlagen ihr Ablehnung und Skepsis entgegen, politische Parteien wie die FPÖ versuchen noch dazu politisches Kleingeld daraus zu schlagen. Und plötzlich schwappen die Emotionen über.
Während im überfüllten niederösterreichischen Flüchtlingslager Traiskirchen unzumutbare Zustände herrschen, wird in Tirol darüber diskutiert, ob in einer Gemeinde 50 oder 30 Flüchtlinge untergebracht werden. Zweifelsohne wäre es wünschenswert, Flüchtlinge auf alle Tiroler Gemeinden aufzuteilen. Nimmt man eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie als Maßstab, dann könnten in 279 Gemeinden auf einen Schlag 1116 Asylwerber bzw. Schutzsuchende untergebracht werden. Die Rechnung ist natürlich zu einfach, weil sie nach wie vor zu viele Unbekannte hat - nach dem Motto: Sollen doch die anderen. Auch in der europäischen Flüchtlingspolitik schieben die einzelnen Staaten die Verantwortung ständig ab. Und deshalb herrscht Stillstand und wird Italien seit Monaten europäisch im Stich gelassen.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001