Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 12. Juli 2014; Leitartikel von Hubert Winklbauer: "Sogar ein 1:7 kann ein Glück sein"

Innsbruck (OTS) - Utl: Eine an Bedeutung schwer überladene WM ist Montag schon Vergangenheit. Aber wenn sich der sportliche Frust in politischen Widerstand verwandeln lässt, könnte die Heim-WM für viele Brasilianer doch noch eine erfolgreiche sein.

Mit dem morgigen Finale endet die 20. Weltmeisterschaft. Gastgeber Brasilien ist nur Zuschauer. Der Frust darüber ist groß. Die Hoffnung, dass sich der in politischen Widerstand verwandeln lässt, auch. Die Entzauberung ihrer Nationalmannschaft könnte sich für einen Großteil der in erbärmlichen Umständen lebenden Brasilianer sogar als Glück herausstellen. Der WM-Fußball hatte sich für die Machthaber als untaugliches, weil unkalkulierbares Spielgerät erwiesen. Kalkuliert worden war mit dem sechsten Titel und einem kollektiven Glücksrausch, der den Blick auf die soziale Realität vernebeln hilft.
Dafür hatten die Propagandazentralen der heimischen Profiteure der teuersten WM und der gierigsten FIFA aller Zeiten auf Hochtouren gearbeitet. Die ganze Welt sollte sehen, dass den Brasilianern der Fußball wichtiger ist als so Nebensächlichkeiten wie Bildung, Gesundheit, Wohnen. Wo diese Einsicht fehlte, sollten Polizeiknüppel Nachdenkprozesse unterstützen. Ein ganzes Land wurde als ein fußballhysterisches inszeniert. Kurios, dass sich diese Grundstimmung just bei jenen während der WM zu einem Krankheitssymptom verdichtete, die auf dem Rasenviereck die siegbringende Effizienz sein hätten sollen: Bei den zu Halbgöttern und Ikonen hochstilisierten Spielern rund um Coach Luiz Felipe Scolari! Aber denen saß schon beim Absingen der Hymnen eine Versagensangst im Nacken, die in Tränenbächen sichtbar wurde. Beim 1:7 gegen Deutschland half das Weinen nicht. Nicht einmal das Beten. Nur die Flucht in die Schockstarre. Ein ganzes Volk war gedemütigt? Ah wo! Nur das brasilianische Nationalteam, das in der Hoffnung auf mehr Effizienz Herz und Seele verkauft hat. Das kann der FIFA nicht passieren. Wo so viel Gier ist, haben Herz und Seele ohnehin keinen Platz mehr. Wer die Fußball-WM 2022 an Katar verkauft, ist auch bereit, all den Despoten dieser Welt die WM als Weißmacher zu verhökern.
Die Deutschen haben mit dem 7:1 Historisches geschafft. Und ob es die deutschen Kicker nun wollen oder nicht - ihr "Jahrhunderterfolg" wird als Beweis dafür herhalten müssen, dass sich ein harter Wirtschaftskurs für alle auszahlt. Es sei denn, man ist Hartz-4-Empfänger oder sonst einer der 13 Millionen armutsgefährdeten Deutschen. Werden sie auch noch Weltmeister, werden sie richtig Kohle machen. Und Ruhm und Ehre mitnehmen. Was nehmen wir mit? Die Erinnerung an schöne Spiele und die Hoffnung, dass sich der Fußball wieder aus den Fängen der Geldhaie und der Politik befreien kann.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001