Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 8. Juli 2014; Leitartikel von Anita Heubacher: "Wasser macht vor Grenzen nicht Halt"

Innsbruck (OTS) - Utl: Der Hochwasserschutz taucht weitere Teile des Landes in rote und gelbe Zonen. Noch dazu hat bei dem Thema die Gemeindegrenze Pause. Vielleicht der Zeitpunkt, um Raumordnung modern und nachhaltig zu denken.

In einem begrenzten Tal, wo der Boden knapp ist, sollte der Umgang mit dieser Ressource ein besonders vorsichtiger sein. Nun, wer Tirol aus der Vogelperspektive betrachtet, kommt zu einem anderen Schluss. Noch immer werden Grünflächen für Gebäude verbraten, die in spätestens dreißig Jahren keiner mehr braucht - oder zumindest nicht in dem Ausmaß. Der Trend ist eindeutig: weniger Verkaufsfläche, mehr Online-Handel. Den Rest besorgt die Demografie. Die Häuser, die heute gebaut werden, haben nur noch die Hälfte an potenziellen Abnehmern. Die Gruppe der heute Null- bis 15-Jährigen ist halb so stark wie jene der mehr als 40-Jährigen, die heute investiert. Wenn nicht das eigene Kind das in die Jahre gekommene Haus übernimmt, kommen rein rechnerisch weniger potenzielle Käufer nach. Der Megatrend liegt auch hier auf der Hand. Der Zuzug in die Städte und in deren Umlandgemeinden nimmt zu. Je dislozierter eine Gegend, desto weniger wird sie nachgefragt. Das merkt man im Außerfern, in Osttirol, im Bezirk Landeck und in den Seitentälern.
In Tirol wurde in den letzten Jahren zu viel Fläche versiegelt für Parkplätze, Einkaufszentren und Wohnblöcke, während die Ortszentren aussterben und dort immer mehr Häuser leer stehen. Wir haben genug alte Substanz, alte Hütten, alte Hotels, alte Hallenbäder, alte Schwimmbäder, Kubatur ohne Ende. Wir bauen aber immer weiter auf der grünen Wiese, weil beim Bauen in Gemeindegrenzen gedacht wird. Während in allen Lebenslagen die Gemeindegrenze obsolet ist, ist sie in der örtlichen Raumordnung das Maß der Dinge. Nicht das große Ganze, sondern das Wohl nicht aller, aber bestimmter Gemeindebürger ist der Nabel der Welt. Über Wohl oder Übel entscheiden immer noch der Gemeinderat und natürlich der Bürgermeister. Den Rest zum Klein-klein-Denken besorgt die Kommunalsteuer, die die Gemeinde einstreift, wenn die zigte Handelskette wie auch immer dotierte Arbeitsplätze schafft.
Die Landesregierung will das nicht ändern. Vielleicht könnte die Raumordnung den Hochwasserschutz, der keine Gemeindegrenzen kennt, zum Vorbild nehmen und endlich wirklich überörtlich denken. Eine Vision entwickeln, wohin die Reise gehen soll. Wo macht bauen Sinn, wo brauchen wir Naherholungsräume? Sicher nicht da, wo den Bauern das Geld ausgeht und der Onkel vom Bürgermeister bauen will. Natürlich ist das überspitzt. Aber in der Übertreibung findet man manchmal Gehör.

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