Dritte Green Care-Tagung

Vorzeigebetriebe mit Angeboten für Menschen mit besonderen Bedürfnissen im Fokus

Wien (OTS) - Überaus praxisnah präsentierte sich gestern die dritte Green Care-Tagung in Schönbrunn, die unter dem Motto "Willkommen am Hof - Vorzeigebetriebe aus Deutschland und der Schweiz stellen sich vor" stand. Dabei wurden insbesondere Höfe beleuchtet, die Betreuungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenz geschaffen haben. Wie bereits in den Vorjahren war die Veranstaltung auch heuer bestens besucht und lockte über 200 Verantwortungsträger/-innen und Interessierte aus allen beteiligten Sparten wie Politik, Landwirtschaft, Wirtschaft, Gesundheit, Soziales und Bildung an. Für besonderes Interesse sorgten die Entstehungsgeschichten der einzelnen Betriebe, Einkommens- und Finanzierungsfragen sowie Saisonalitätsaspekte des sozialen Dienstleistungsangebotes.

Soziale Dienstleistungen in EU-Agrarprogrammen verankert

Europa-Parlamentarierin Elisabeth Köstinger betonte in ihrer Begrüßungsansprache, dass ihr das Green Care-Projekt mit seinen Sozialleistungen auf Bauernhöfen zu einer Herzensangelegenheit geworden sei, das sie stets auch in die Agrarpolitik-Verhandlungen auf europäischer Ebene miteinfließen lasse. So sei es gelungen, im neuen EU-Programm zur Entwicklung des ländlichen Raumes (LE) den Bereich der sozialen Dienstleistungen zu verankern und mit entsprechenden Mitteln auszustatten. Projektleiterin Nicole Prop ergänzte bei der Diskussion, dass es auch einzelne regionale Leader-Initiativen gebe, die sich eines Green Care-Bereiches angenommen hätten, wozu es allerdings entsprechender lokaler Aktionsgruppen bedürfe. Wer zudem seinen Hof für ein spezielles Dienstleistungsangebot umrüsten wolle, könne im Rahmen der Ländlichen Entwicklung auf Mittel der Investitionsförderung zählen, um nur einige der bestehenden Finanzierungsmöglichkeiten zu nennen.

Um diese Gelder problemlos abholen und gleichzeitig Klienten sowie Sozialeinrichtungen eine hohe Qualität des Green Care-Angebotes garantieren zu können, sei ein Zertifizierungs- und Qualifizierungssystem von großer Bedeutung. Daran werde bereits mit Feuereifer gearbeitet, versicherte Prop. Ab 2015 soll dort, wo Green Care draufsteht, auch zu 100% Green Care drinnen sein. Gleichzeitig lege man großen Wert auf eine individuelle Beratung in allen neun Bundesländern, die Vernetzung auf nationaler und europäischer Ebene, entsprechende Bildungsangebote und vieles mehr, unterstrich die Projektleiterin.

Thomas Haase, Rektor der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik Wien, präsentierte in diesem Zusammenhang den ersten Green Care-Masterstudiengang in Europa, den Universitätslehrgang Gartentherapie und die erste Green Care-Zeitschrift im deutschsprachigen Raum. Damit soll es insbesondere gelingen, junge Wissenschafter zu animieren, sich mit dem Thema zu beschäftigen und den Nutzen zu untersuchen.

Umfassende Vernetzung als große Chance

Welche entscheidende Bedeutung eine geeignete Vernetzung hat, betonte auch Thomas van Elsen, Gründer der Arbeitsgemeinschaft für soziale Landwirtschaft, Petrarca e. V. Deutschland. Er ortet in Österreich bereits jenen Durchbruch in der Green Care-Organisation, auf den man in Deutschland immer noch warten müsse. So gebe es dort bereits zahlreiche verschiedene Angebote im sozialen Landwirtschaftsbereich, gut vernetzt seien jedoch bisher nur Schulbauernhöfe und Werkstätten für behinderte Menschen. Höfe mit Sozialarbeit wie Suchthilfe oder Jugend- und Arbeitsloseneinrichtungen würden vielfach alleine arbeiten, was oftmals schwierig sei, so van Elsen. Aus diesem Grund habe man verschiedene Projekte ins Leben gerufen, die Vielfalt des Angebots -speziell auf Biobetrieben - untersucht, ein Positionspapier mit Forderungen erarbeitet und den Versuch gestartet, regionale Arbeitsgemeinschaften zu initiieren. Auch ein umfassendes Bildungskonzept werde angestrebt, so van Elsen, der zahlreiche innovative Beispiele der sozialen Land- und Forstwirtschaft in Deutschland aufzeigte.

Mut, Ideen und Liebe zu Menschen gefordert

Bei den anschließenden detaillierten Präsentationen von vier Green Care-Betrieben in Deutschland und der Schweiz wurde klar, dass Betriebsführer in erster Linie viel Mut, Liebe zur Land- und Forstwirtschaft und zu Menschen sowie innovative Ideen benötigen, um im sozialen Dienstleistungsbereich Fuß fassen zu können. Große Bedeutung haben auch geeignete Finanzierungsmöglichkeiten.

So ist es beispielsweise Luzia Hafner, einer Pflegefachfrau und Landwirtin aus Sigigen in der Schweiz, gelungen, an ihrem Hof ("Hof Obergrüt") eine erfolgreiche Betreuungseinrichtung für Menschen mit Demenz zu schaffen, die nicht nur in die landwirtschaftliche Tätigkeit, sondern auch in das Familienleben eingebunden werden. Ein Wendepunkt sei jedoch 2012 gewesen, als die Finanzierung "trotz großen Herzblutes, Vision und Engagements auf der Kippe gestanden" sei. Durch eine Anerkennung der Dienstleistungen bei den Krankenkassen und ein neues Abrechnungssystem hätten jedoch schließlich die dringend benötigten Sätze verrechnet werden können, so Hafner, die Tages- und Ferienbetreuung anbietet.

Mit dem Biohof Aga leitet die Deutsche Carolin Ullrich eine Betriebsstätte der Lebenshilfe Werkstätten Gera GmbH, wobei sie von 42 Mitarbeitern mit und ohne Behinderung bei der Tomaten-, Gurken-und Salatproduktion im Glashaus unterstützt wird. Durch eine enge Zusammenarbeit mit dem elterlichen Hof, der über eine Legehennenproduktion, Ackerbauflächen und eine Biogasanlage verfügt, wird eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft forciert. Besonders ist bei diesem Betrieb, dass er nicht nur für den Ab-Hof-Verkauf erzeugt, sondern auch im Handel mithalten kann - und das mit sozial produzierter Ware. Gleichzeitig gebe es eine Finanzierung der sozialen Leistungen durch die Lebenshilfe, weshalb der Betrieb nach zwei harten Startjahren nun gut dastehe, so Ullrich.

Weiters stellten sich zwei Betriebe der Lebenshilfe Bad Dürkheim vor, einer Einrichtung, die rund 660 geistig behinderte Menschen betreut und ihnen - angefangen von Frühförderung und Kindergarten bis hin zu Beschäftigungs- und Wohnmöglichkeiten im Erwachsenenalter -Chancen zur sinnvollen Lebensgestaltung bietet. Als Einkommensmöglichkeiten dienen laut Werkstattleiter Paul Friedek zu 70% die Pflegesätze des Bundeslandes Rheinland-Pfalz und zu 30% die Erlöse aus den Umsätzen der erzeugten Produkte, wobei auch Löhne an die beteiligten Mitarbeiter ausbezahlt werden.

Winter-Dienstleistungen bei saisonaler Landwirtschaft

Jan Hock, Betriebsleiter des Lebenshilfe-Weinbaus mit 27 behinderten Mitarbeitern, gab zu bedenken, dass es insbesondere eine Herausforderung in der saisonalen Landwirtschaft ist, auch im Winter für geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten zu sorgen. So habe sein Betrieb in dieser Zeit die Entnahme von altem Rebholz bei benachbarten Weinbaubetrieben übernommen, so Hock. Auch Verpackungstätigkeiten seien geeignet. Betriebsleiter Richard Danner stellte wiederum seinen "Kleinsägmühlerhof" vor, eine Wohn- inklusive Arbeitsmöglichkeit der Lebenshilfe Bad Dürkheim, die nicht nur in der land- und forstwirtschaftlichen Urproduktion tätig ist, sondern auch großen Wert auf die Weiterverarbeitung - etwa in Form einer Bäckerei - und den Ab-Hof-Verkauf legt, behinderte Menschen einbindet und ihnen Selbstwertgefühl vermittelt.

All diese Höfe seien hervorragende Beispiele dafür, welche Vielfalt an sinnvollen Beschäftigungsmöglichkeiten Land- und Forstwirtschaftsbetriebe Menschen mit besonderen Bedürfnissen anbieten können, betonte der Direktor der Landwirtschaftskammer Wien, Robert Fitzthum. Deswegen sei es von entscheidender Bedeutung, dass es gelungen sei, in den EU-Programmen der Ländlichen Entwicklung Richtlinien und Programme unterzubringen, die Unterstützungsmöglichkeiten für Green Care darstellen. Nichts desto trotz gelte es, die Vernetzung der involvierten Sektoren weiter voranzutreiben, um das "Green Care-Pflänzchen" weiter wachsen und gedeihen zu lassen.

Alle Unterlagen zur dritten Green Care Tagung finden Sie ab 30.06.2014 unter www.greencare-oe.at.
(Schluss)

Rückfragen & Kontakt:

Landwirtschaftskammer Wien, Pressestelle:
Kammerdirektor Ing. Robert Fitzthum T: + 43 1 587 95 28-26, F: + 43 1 587 95 28-21, direktion@lk-wien.at www.lk-wien.at

Rückfragen zum Thema:
Mag.(FH) Nicole Prop T: + 43 1 5879528-28, nicole.prop@lk-wien.at, www.greencare-oe.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | AIM0004