Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 22. Juni 2014; Leitartikel von Gabriele Starck: "Die Kostenfrage stellt sich nicht"

Innsbruck (OTS) - Utl: Statt sich über die Rettung des schwer verletzten Höhlenforschers zu freuen, interessieren nur noch die Kosten.

Hätte man Johann Westhauser in der Tiefe liegen lassen sollen, bis er tot ist? Die Frage nach den Kosten für die elftägige Höhlenbergung erweckt den Anschein. Die medialen Spekulationen reichten bis zu einer Million Euro, mit der sich die Rettung zu Buche schlagen soll, noch bevor eine einzige Rechnung gestellt ist. In Anbetracht der Milliarden, die Steuerzahler für hochriskante und misslungene Finanzgeschäfte der öffentlichen Hand oder Banken bezahlen müssen, ist die Diskussion über die Kosten für eine Lebensrettung eine menschenverachtende.
Da mag sich die Frage nach dem Verhältnis von Risiko und Nutzen der Höhlenbesuche stellen. Aber welchen Nutzen - außer den des persönlichen Genusses - hat eine alpine Klettertour oder Aufstieg und Abfahrt außerhalb gesicherter Pisten? Auch diese bergen Risiken -nicht nur für die (Freizeit-)Sportler selbst, sondern ebenso für die Retter. Und Höhlenerkundungen bringen abseits der Befriedigung des menschlichen Entdeckungsdrangs durchaus auch Wissen: über Wasserwege, unterirdische Fauna sowie Beschaffenheit des Berges.
Menschen, die die unterirdische Welt zu ihrem Hobby gemacht haben, sind im Allgemeinen weder leichtsinnig noch fahrlässig. Wer sich dem Höhlengehen verschreibt, ist fast immer auch Höhlenretter -setzt sich also mit Notfällen und ihrer Bewältigung vorausschauend auseinander. Ebenso selbstverständlich ist es, in Not geratenen Kollegen zu helfen. Das mag auch die Tatsache erklären, warum mehr als 700 Helfer beim Einsatz waren.
Doch diese Menschen arbeiten ehrenamtlich - so wie Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, Bergretter usw. auch. Ihr selbstloser Einsatz ist nicht nur ein nicht bezifferbares Vermögen für die Gesellschaft, sondern für jedes einzelne Leben, das es wert ist, um jedes Geld der Welt gerettet zu werden.

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