Fachkräftemangel kann ab 2016 spürbar werden

Studie von ibw und öibf zu Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung 2012 und 2013

Wien (PK) - Bei vergleichsweise guten Werten der Jugendbeschäftigung könnte in Österreich bereits ab 2016 Facharbeitermangel spürbar werden. Dieses Resümee zieht ein Forschungsbericht zur Situation der Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung in Österreich 2012-2013. Er wurde im Auftrag des Bundesministers für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) und dem Österreichischen Institut für Berufsbildforschung (öibf) erstellt (III-80 d.B.). Trotz internationaler Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise habe Österreich seine EU-weit sehr gute Position im Bereich der Jugendbeschäftigung halten können, wird in der Studie festgestellt. Dennoch sei unübersehbar, dass die Wirtschaftskrise im Bereich der Jugendbeschäftigung auch in Österreich Spuren hinterlassen hat und dass Jugendliche von Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt in der Regel zuerst betroffen sind.

Die beiden Institute unterstreichen in ihrer Studie besonders die zukünftigen Herausforderungen angesichts des demographischen Wandels und des drohenden Fachkräftemangels. Bereits jetzt gebe es demographisch bedingt einen Rückgang bei der Zahl der Lehrlinge und Lehrbetriebe. Daher sei in besonderem Maße dafür Sorge zu tragen, dass das bewährte und erfolgreiche duale System der Lehrlingsausbildung auch im Verhältnis zu anderen Ausbildungswegen keine strukturelle Schwächung erfährt, stellen die Studienverfasser fest und formulieren zahlreiche Empfehlungen dazu. In den letzten Jahren habe die Lehrlingsausbildung vor allem im Vergleich zur AHS auch anteilsmäßig an Jugendlichen verloren. Es gelte, die im Vergleich zu anderen Ländern sehr erfolgreiche Ausbildungsintegration von praktisch begabten Jugendlichen und die Sicherung des zukünftigen Fachkräftebedarfs zu gewährleisten. Vor allem müsse hier das Potenzial der Jugendlichen mit Migrationshintergrund besser genutzt werden, denn diese sind in der Lehrlingsausbildung bisher unterrepräsentiert, so die Experten.

Günstige Werte im europäischen Gesamtvergleich

Grundsätzlich stellt die Studie fest, dass Österreich im europäischen Vergleich in allen untersuchten Indikatoren zur Situation der Jugendbeschäftigung, Jugendarbeitslosigkeit und den erreichten Bildungsabschlüssen im Durchschnitt der EU-28-Länder vergleichsweise günstige Werte aufweist. Beispielsweise betrug gemäß EUROSTAT die Jugendarbeitslosenquote (Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen) in Österreich im Jahr 2013 9,2 %, in den EU-28-Ländern zusammen aber 23,4 %. Österreich wies damit im Jahr 2013 hinsichtlich Jugendarbeitslosigkeit innerhalb der EU die zweitniedrigste Quote hinter Deutschland auf. Auch wenn die Jugendarbeitslosenquote 2013 und auch schon 2012 wieder leicht angestiegen ist, so war die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich in den Jahren 2009-2013 im Gegensatz zum EU-Durchschnitt und trotz neuerlicher wirtschaftlicher Turbulenzen insgesamt rückläufig. In Österreich sank die Jugendarbeitslosenquote von 10,0% (2009) auf 9,2% (2013), in den EU-28-Ländern insgesamt stieg sie im selben Zeitraum von 20,1% auf 23,4%.

Als einen wesentlichen Grund für die vergleichsweise gute Integration der Jugendlichen in das Beschäftigungssystem nennt die Studie neben der allgemein relativ niedrigen Arbeitslosigkeit das hoch entwickelte System der beruflichen Erstausbildung in Österreich mit Lehrlingsausbildung und berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. In Österreich sei dabei sowohl die Ausbildungsbeteiligung als auch der Anteil der beruflichen Bildung relativ hoch, heißt es dazu. Insbesondere das System der dualen Lehrlingsausbildung in Betrieb und Berufsschule verschaffe Österreich eine gute Position im internationalen Vergleich.

Trotz dieser vergleichsweise guten Ausgangsposition Österreichs dürfe aber nicht darüber hinweggesehen werden, dass von den Folgen der im Jahr 2008 erstmals akut gewordenen internationalen Finanz-, Wirtschafts- und Schuldenkrise besonders die Jugendlichen betroffen waren und ihre Arbeitslosenquote wesentlich stärker gestiegen ist als die Arbeitslosenquote der über 25-Jährigen, unterstreichen die Verfasser. Als primäre Ursache für diesen überproportionalen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise wird der Umstand gesehen, dass viele Unternehmen auch bei fehlender Auslastung versuchen, nach Möglichkeit ihr bestehendes Personal zu halten, dafür aber bei Neueinstellungen von Jüngeren sehr zurückhaltend sind.

Wenig Jugendliche mit Migrationshintergrund in Lehrlingsausbildung

Bis 2016 wird von den Autoren der Studie ein deutlicher Rückgang der 15-Jährigen bzw. der BerufseinsteigerInnen insgesamt erwartet, verbunden mit einem massiven Anstieg an BerufsaussteigerInnen durch Pensionierungen bis 2025. Angesichts des sich dadurch abzeichnenden Fachkräftemangels gelte es, das besondere Potenzial an zukünftigen Fachkräften der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu nutzen, betont die Studie und verweist insbesondere auf Mehrsprachigkeit als wichtige Humanressource und Wettbewerbsvorteil. Es gehe nicht nur darum, fremdsprachige KundInnen (ZuwanderInnen und TouristInnen) in Österreich gezielt ansprechen zu können, die Mehrsprachigkeit vieler Jugendlicher mit Migrationshintergrund stelle auch eine besondere Chance dar, den Internationalisierungsgrad und die Exportorientierung der österreichischen Wirtschaft insgesamt zu stärken, meinen die Verfasser.

Als besondere Herausforderung für das System der österreichischen Berufsausbildung bezeichnen sie daher die Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem. Diese scheiden insgesamt häufiger vorzeitig aus der weiterführenden Ausbildung aus und sind auch im Bereich der Lehrlingsausbildung stark unterrepräsentiert, hält der Bericht fest. Der geringe Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Lehrlingsausbildung stelle damit sowohl aus bildungs- und integrationspolitischer Perspektive als auch aus der Perspektive der Sicherung des Fachkräftenachwuchses eine prioritär zu behandelnde Herausforderung dar.

Studie spricht sich für Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr aus

Basierend auf ihren zentralen empirischen Befunden gibt die vorliegenden Studie verschiedenste Empfehlungen zur Optimierung der Situation der Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung in Österreich und empfiehlt die Weiterverfolgung des politischen Ziels, allen Jugendlichen den Abschluss einer weiterführenden (Berufs-)Ausbildung zu ermöglichen. Es müssten die Voraussetzungen geschaffen werden, um die geplante "Ausbildungspflicht bis 18 Jahren" tatsächlich effektiv und mit den angestrebten Zielen implementieren zu können.

Eine wesentliche Voraussetzung für das Erreichen weiterführender Abschlüsse ist das Erreichen eines vorangehenden erfolgreichen Pflichtschulabschlusses. Es gelte daher, ein vorzeitiges Ausscheiden aus der Pflichtschule zu verhindern und ausreichende Basisqualifikationen für weiterführende Ausbildungen zu sichern, so die Verfasser der Studie. Daher sollte die Schulpflicht nicht ausschließlich mit dem Absolvieren von Jahren, sondern auch mit dem Erreichen von Bildungszielen verknüpft werden. Als erster Schritt wird empfohlen, das Ausscheiden vor dem Erreichen der 9. Schulstufe möglichst zu verhindern oder zu verringern, indem die neunjährige Schulpflicht auf mindestens zehn Jahre erstreckt wird, wenn im Zuge der Schulpflicht die 9. Schulstufe noch nicht erreicht wurde. Damit könnte die Zahl positiver Hauptschulabschlüsse erhöht und das Erreichen der für die Berufsorientierung und die Berufsinformation so wichtigen 9. Schulstufe, z.B. im Rahmen des Polytechnischen Lehrgangs, erleichtert werden, meinen die Experten.

Generell müsse die Förderung der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das System der beruflichen Erstausbildung verstärkt und Maßnahmen bzw. Incentives zur Steigerung der Ausbildungsbereitschaft und -fähigkeit der österreichischen Betriebe gesetzt werden.

Angeregt wird auch, ein akzeptiertes Verfahren der Berufsbildentwicklung und Leistungsfeststellung zu etablieren, das branchen- und berufsfeldübergreifend eine vergleichbare Herangehensweise bei der Identifikation und Festlegung berufsrelevanter Kenntnisse und Fertigkeiten unter durchgängiger lernergebnisorientierter Formulierung auf Kompetenzbasis festlegt.

Neben den neu eingerichteten Verfahren zur begleitenden Unterstützung der betrieblichen Ausbildung (Beratungs- und Coaching-Angebot für Betriebe und Lehrlinge, Hilfestellung bei der Entwicklung von Ausbildungsplänen durch Ausbildungsleitfäden) könnten auch prozessorientierte Qualitätssicherungsinstrumente, wie etwa Selbstevaluierungsinstrumente oder die Anwendung von Zertifizierungsverfahren in den Betrieben, die Qualität der betrieblichen Ausbildung fördern. Es müsse eine verstärkte Bewusstseinsbildung bezüglich der Bedeutung der regelmäßigen Weiterbildung der AusbilderInnen in Hinblick auf pädagogisch-didaktische und persönlichkeitsbezogene Inhalte für eine qualitativ hochwertige betriebliche Ausbildung von Jugendlichen betrieben werden, so die Empfehlung, z.B. mittels der in manchen Bundesländern bereits realisierten Ausbilderakademien.

Duale Lehrausbildung attraktiver machen, Potenziale nützen

Die Attraktivität der dualen Lehrausbildung wäre zu steigern. Die Studie denkt etwa an die entsprechende Berücksichtigung beruflicher Höherqualifizierung wie Werkmeisterprüfung und Meisterprüfung im Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR). Es müsse auch mehr Transparenz der Entwicklungen am Übergang von beruflicher Erstausbildung und Erwerbsleben mit Hilfe datengestützter Monitoringsysteme hergestellt und die Qualitätssicherung und -entwicklung im dualen Ausbildungsbereich durch entsprechende Indikatoren gewährleistet werden.

Wichtig ist laut Studie auch die Aufwertung und stärkere Verankerung des schulischen Angebots an Berufsinformation und Berufsorientierung bis hin zum Ausbau des eigenen Unterrichtsgegenstands "Berufsorientierung" in der 7. und 8. Schulstufe. Derzeit ist erst eine Unterrichtsstunde in der 7. oder 8. Schulstufe der Neuen Mittelschulen verpflichtend. Auch außerschulische Berufsorientierungs- und Berufsberatungsangebote müssten stärker genützt werden.

Das gesamte Bildungswesen, vor allem in der Pflichtschule müsse praxisorientierter werden, das könne etwa mittels Betriebspraktika für LehrerInnen und die Forcierung eines technisch-handwerklichen Unterrichts geschehen. Neben den kognitiven Fähigkeiten müsse das Bildungssystem soziale und kommunikative Kompetenzen, aber auch motorische und sensorische Fähigkeiten junger Menschen fördern. Dazu gehöre beispielsweise die Mehrsprachigkeit von vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, heißt es in der Studie.

Der Anteil von Mädchen in technisch-handwerklichen Berufen sei durch frühe und stärkere Förderung des technischen Interesses in der schulischen Ausbildung zu heben, so eine weitere Empfehlung.

Angesichts des sich abzeichnenden Fachkräftemangels, der vermutlich ab etwa 2016 demographisch bedingt spürbar wird, müssten sich Maßnahmen auch auf die Nutzung ungenutzter Qualifikationspotenziale konzentrieren, resümieren die Studienautoren. Dazu brauche es neue Ausbildungskonzepte zur Nach- und Umqualifizierung von Erwachsenen unter Nutzung bereits erworbener Kompetenzen und Erfahrungen. Es gelte, Angebote und Modelle einer höheren tertiären Berufsbildung zu entwickeln, um das bewährte und so bedeutende System der beruflichen Bildung, insbesondere der Lehrlingsausbildung, in Österreich langfristig zu sichern und mit entsprechend attraktiven Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu verknüpfen. (Schluss) sox

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